Tag: Hocking

Urheber im 21. Jahrhundert

Dies ist eine sehr lang gewordene E-Mail-Antwort auf die Frage, warum der Longtail (also die “nach hinten länger offene” Vermarktung von Werken) sinnvoller ist als eine harte Beschränkung aller Schutzrechte auf 10 Jahre.

Der Kontext ist hier vielleicht nicht ganz deutlich. Evt. hilft ein Blick auf die FAQ/neueren Blogposts bei Amanda Hocking, einer jungen Autorin, die eigentlich erfolgreich die von uns bevorzugten Vermarktungswege gegangen ist und nun doch einen Vertrag mit einem großen Verlag unterschrieben hat. Ich denke, dass diese Entscheidung bei einer 10-Jahres-Beschränkung der zu beobachtende Effekt wäre – nur eben in der Masse. (Der E-Book-Preis von Hockings Büchern war bisher 99 Cent. Sie schreibt bereits, dass dieser Preis vom Verlag als nicht haltbar gesehen wird.)

Ahoi,

die Kernfrage ist schlicht, was wir als Ziel betrachten: Eine stärkere Professionalisierung der Kreativen oder eine Demokratisierung der Kreativenszene. Ich halte Letzeres für deutlich wichtiger – zumal die akuellen Probleme der User (die oft gleichzeitig Kreative sind) nicht mit den Schutzfristen per se, sondern mit der Aushöhlung von Privatkopie und fehlenden akzeptablen Angeboten im Markt zu tun haben. (Werbefinanziere “Kostenlose” Komplettangebote, echte Flatrates etc.)

Zurück zur Professionalisierung: Wenn Kreative in 10 Jahren die Einnahmen aus ihren Werken maximieren müssen – ich gehe jetzt von Leuten aus, die ihre kreative Tätigkeit als Ergänzung oder zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts betreiben, auch semiprofessionelle, die sich aus dem “Dayjob” verabschieden wollen – dann bleibt ihnen kaum eine Alternative, die Vermarktung den Profis zu überlassen.

Was das für die Preise und Endkunden bedeutet, sieht man u.a. bei Amanda Hocking.

Wir reden (hoffentlich) nicht über die wenigen, die durch kreative Werke “reich” werden, sondern über die Masse der Kreativen, für die dies ein zusätzliches oder ausschließliches Einkommen ist. Es geht darum, ob ich die Möglichkeit, Zeit für Kreativität zu haben, mit Kreativität erwirtschaften *darf* (wer es mangels Publikum nicht kann, ist eh raus), denn wer Brotjob, Familie UND Kreativität unter einen Hut bringen muss, ist ein Kandidat für Burn-Out bzw. stellt eben die kreative Tätigkeit irgendwann ein. Ich möchte aber MEHR neue Musiker, Autoren, Maler sehen, die in einem Alter sind, in dem sie Verantwortung für Familien haben und eben nicht flexibel von Toastbrot und unbezahlten Gigs “leben” können.

Wenn wir also die Maximalverwertung durch die Contentfirmen beschneiden wollen, dann brauchen wir auch ein Gegenkonzept. Und das Gegenkonzept ist eben der aktuell (noch) so uninteressante Longtail.

Hier bietet sich eine Chance für eben nicht auf Marketing spezialisierte Selbstdarsteller, sondern auch für handwerklich gute “Hobbyisten”, langfristig ihr Publikum zu finden und davon zu profitieren. Ich halte das für essentiell wichtig, denn die Verflachung bei der Qualität ist deutlich sichtbar, wenn wir z.B. die Musiker der 70er mit den aktuellen Vergleichen – und damals gab es eben noch die kleinen Club-Gigs, bei denen die Gema nicht zum unkalkulierbaren Risiko für alle Beteiligten wurde. Die neue Plattform sind aber eben nicht die Clubs, sondern die Online-Vermarktung.

Dass Kreative nicht mehr physisch anwesend sein müssen, um ihr Werk zu präsentieren und dass auch ein Maler nicht nur einmal das Bild, sondern viele Poster, Postkarten und Kalender anbieten kann, ist kein Bug, sondern ein Feature.

Der Hinweis auf “Lesungen”, “Live-Konzerte” (übrigens auch wieder weitgehend nur möglich und finanziell interessant mit Hilfe einer professionellen Vermarktungsmaschine und wenig sonstigen sozialen oder beruflichen Verpflichtungen), ist rückwärts statt vorwärts gewandt.

Was also soll genau mit den 10 Jahren erreicht werden? Eine Entkriminalisierung der Enduser? Die erreichen wir auch mit Fair Use und Privatkopie. Eine totale Marktfreigabe? Davon profitieren vor allem die Konzerne mit ihrer Infrastruktur, denn ICH werde sicher nicht teuerer auf obskuren Künstlerpages nach Werken suchen – zumal ggf. die Hardware zur Darstellung ein propriäteres Format verlangt, das eben nach 10 Jahren ausschließlich und günstig im Profi-Shop angeboten wird.

Freiheit für Remixes und Co? Ich halte die aktuellen Fristen da ebenfalls für zu lang und restriktiv, aber was hindert einen Kreativen ggf. einen Deal mit anderen Kreativen zu machen? Fragen hilft meist – und fast immer findet sich eine Lösung, die für beide interessant ist. Darüberhinaus ist die Almende groß, Probleme gibt es ausschließlich mit sehr neuen Werken und den aktuell völlig freidrehenden Interpretation von Zitatrechten.

Wenn wir mehr und langfristig aktive Kreative sehen wollen, dann ist eben genau nicht die Vermarktungsbeschränkung auf 10 Jahre eine Lösung, sondern vielmehr Möglichkeiten zur langfristigen Erarbeitung einer Reputation bei gleichzeitiger Reformierung der Nutzerrechte. Die Contentindustrie mit ihren auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Wegwerfprodukten und kurzen Marktzyklen ist das Problem, und mit einer 10-Jahres-Schutzfrist wird das Problem stärker statt schwächer.

cya,
Cae

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