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Bericht zur OER-Konferenz #OERde14 in Berlin

Am Wochenende fand in Berlin eine Konferenz zum Thema offene und freie Bildungsmedien stattt. (OER – open educational ressources).

Solche Konferenzen und Netzwerktreffen sind ein wichtiges Mittel, um unsere Themenarbeit einerseits nach außen zu transportieren, aber auch um neue Aspekte und Impulse – und idealerweise Allianzen – mitzunehmen. Unsere Positionen können nur dann tragfähig und überzeugend sein, wenn sie außerhalb der Piratenbubbles geprüft und getestet werden.

Natürlich geht es auch darum, im persönlichen Kontakt eventuelle grundsätzliche Vorurteile gegenüber Piraten abzubauen: Wir – Wilk Spieker, Matthias Bock und ich – wurden immer wieder darauf angesprochen, wie positiv überrascht man sei, dass Piraten Themen kontrovers und konsequent diskutieren. Gerade weil wir immer wieder für „reichlich Blutduruck sorgten“ und nicht immer das sagten, was unsere Gegenüber gerade von uns erwarteten. Vor allem aber fiel wohl auf, dass wir uns mit Argumenten auseinandersetzen.

Bewegung bei den Verlagen

Umgekehrt gilt das selbe: Ich war vor einiger Zeit bei einem Runden Tisch zum Thema Urheberrecht. Damals wurden von den Verlagen ihre aktuellen Geschäftsmodelle als Non-Plus-Ultra verteidigt. Mir war das letztlich recht: Je mehr Verlage Lehrer mit restriktiven Nutzungsbedingungen ihrer Werke unter Druck setzen, desto aufgeschlossener zeigen sich diese für OER. Unter diesem Aspekt war ich für die Schnapsidee „Schultrojaner“ sehr dankbar: spätestens als dieser auch in den Medien diskutiert wurde, machten sich Lehrer auch in der Fläche Gedanken über ihre Mediennutzung – und sei es nur, weil ihre Vorgesetzten ihnen unmissverständlich erklärten, dass Lehrer bei eventuellem Ärger keine Unterstützung finden werden und ihnen auch dienstrechtliche Konsequenzen drohen.

Hier bieten OER die problemlose Alternative: OER dürften in beliebiger Zahl kopiert, verteilt, gespeichert und verändert werden. Sie verursachen keine großen Kosten und auch der von den Verlagen verteidigte „Medienbruch“ (keine Analogmedien wie Bücher digitalisieren, keine Digitalmedien einfach ausdrucken und kopieren) ist das, was es sein sollte: Kein Problem.

Mich interessierten vor allem zwei Punkte, die ich als weltweite und flächendeckende Hemmnisse für OER wahrnehme: Geschäftsmodelle und Qualitätssicherung.

Ich will beides an dieser Stelle noch nicht zu ausführlich beschreiben, aber im Grunde ist die Fragestellung vergleichbar zu der bei freier Software. (Und ich bin der Ansicht, dass wir von den Erfahrungen aus diesem Bereich lernen können.)

Insofern empfand ich die Tatsache, dass bei der OER-Konferenz etliche Verlagsvertreter vor Ort waren als deutliches Zeichen, dass OER auch in Deutschland für weit mehr Unruhe sorgen als die Branche offiziell zugeben mag. Interessant war auch, dass diesmal offenbar das Credo war: „Aber wir haben doch gar nichts gegen OER, wir wollen nur weiter Geschäfte machen können.“ Das ganz dicke Brett, dass Verlage prinzipiell keine OER erstellen wollen, ist angebohrt.

Nicht nur durch die rosa Brille: Folgenabschätzung

Wenn die von David Klett präsentierten Zahlen für Polen und Ungarn stimmen – und sie sehen zumindest nicht unplausibel aus – dann ist die Frage der Folgenabschätzung von einer politisch geförderten OER-Nutzung auf einem neuen Level angekommen.

Wir können z. B. bei Inklusion in NRW sehen, wie ein sinnvolles Konzept benutzt wird, um verdeckt Kosten im Bildungsbereich zu sparen (Schließung der Förderschulen bei unzureichenden Inklusionsmaßnahmen für die Regelschulen). Bei OER sehe ich genau dieses Problem ebenfalls kommen: Wenn weniger Geld für Bildungsmedien ausgegeben werden kann, kann ich die Etats auch extrem zusammenstreichen. Mit Widerstand ist dabei wenig zu rechenen, wenn das Label stimmt: Inklusion, OER, Modernisierung etc.

David Klett sagte in seinem Vortrag, dass genau dies in Polen und Ungarn schon geschieht. (Und dass die Verlagsangebote bei den OER-Ausschreibungen bewusst ausgegrenzt wurden.) Wenn es dann noch ein mehr oder weniger verpflichtendes OER-Schulbuch gibt, das staatlich gefördert und dessen Qualität offiziell anerkannt ist, so kann durch die politischen Rahmenbedingungen die Situation entstehen, dass die Bildungsmedien in Schulen und Hochschulen durch OER nicht vielfältiger, sondern eintöniger (oder gar „gleichgeschaltet“) werden. Dazu kommt die Frage nach dem Einwirken auf die Inhalte von politischer Seite. Wer glaubt, dass der Durchgriff zu unwahrscheinlich ist, sollte mit kritischem Blick die Bildungsdebatte in Baden-Württemberg zur Darstellung von sexueller Vielfalt verfolgen.

Ich bin der Überzeugung, dass wir auch solche Szenarien verstärkt diskutieren und tragfähige Gegenkonzepte entwerfen müssen. Insofern hätte ich gern mehr Vertreter aus der Politik – auch mehr Piraten – auf der Konferenz gesehen.

Ich freue mich, dass Wilk und ich Zusagen bekamen, dieses und einige andere kontroverse Themen rund um OER und allgemein Technikfolgenabschätzung (digitales Lernen als Panoptikum) im Nachgang zu vertiefen. Wir werden für den Bereich Bildung eine moderierte Mumble-Serie mit Gastreferenten und Diskussionen aufsetzen.

tl;dr

Am Wochenende fand in Berlin eine Konferenz zum Thema offene und freie Bildungsmedien stattt. (OER – open educational ressources).

Ausführliche Berichte, Interviews und Clips (sowie die Streams aus dem großen Saal) findet ihr unter anderem hier:

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Ressourcensammlung Bildung Online

Natürlich gibt es viele Bildungsressourcen im Internet. Was ich hier sammle, sind strukturierte Materialien – abseits der üblichen Standard-Zertifikate – , die idealerweise zu einem Zertifikat / Abschluss führen.

Die Links sind nicht anklickbar, weil es sich nur um eine Sammelliste für die handelt. Irgendwann wird ein “richtiger” Blogeintrag bzw. Text daraus.


Kostenlos

http://ocw.mit.edu/  MIT Open Courseware

http://www.open.ac.uk/ OpenLearn (kostenloser Teil der OpenUniversity mit Materialien unter freien Lizenzen.)

http://www.nalandau.com
(Pressemitteilung dazu: http://nalandau.wordpress.com )
http://www.startupnews.in/2010/01/nalandau-launched-%E2%80%93-free-mit-quality-education-access/

Kostengünstig

http://vu.ksurf.net/index.html

Gebühren

Gebühren im 3-stelligen Bereich

http://www.teach12.com/ The Teaching Company – es gibt Sonderangebote und die Materialen scheinen anspruchsvoll und mit großem Aufwand aufbereitet zu sein

http://www3.open.ac.uk/ Open University UK

Bildungsgänge, die nicht einzeln buchbar sind:

http://www.uopeople.org/ University of the People (kostenlos)

Ressourcen für Open Education (Papers):

http://www.media.nrw.de/downloads/imblickpunkt_open-content.pdf (NRW Open Content)

http://www.olcos.org/

http://www.esd-world-conference-2009.org/fileadmin/download/ESD2009_BonnDeclarationDE.pdf  Bonner Erklärung

http://www.oecd.org/dataoecd/4/53/38149140.pdf (OU NL)

Stichworte zur Bildungsdiskussion

Stichworte Bildungsdiskussion (von CaeVye)

  • Klare Aussage, dass Bildung mehr ist als Wissensvermittlung und Ausbildung. (Ich kann auch noch einen „Besinnungsaufsatz“ zum – nicht zuletzt sozialen – Sinn von Geisteswissenschaften schreiben.)
  • Es ist absurd, dass der Wunsch nach Bildung aktuell mit monetären oder beruflichen Vorteilen begründet werden muss, um sozial akzeptiert zu werden.
  • Bildung hat komplexe und weitreichende Auswirkungen in die Zivilgesellschaft hinein
  • Zitat Schily 2002: “Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.”
    Quelle z.B. : http://www.rp-online.de/politik/Schily-Klavierspieler-des-Jahres_aid_265376.html
  • Fehlertoleranz von Bildungssystemen: Personen mit einer finanziell angespannten Situation müssen dennoch die Möglichkeit haben, Fehler zu machen bzw. Fehlentscheidungen zu treffen. Systeme mit „eine Chance für alle“ bestraft gerade diejenigen, die ihre Lebensumstände nicht durch Zukauf von Dienstleistungen ent-stressen können. Eine Deckelung zur Verhinderung einer Kostenexplosion scheint dennoch sinnvoll zu sein.
  • staatl. Förderung von lebenslangem Lernen durch Erstellung von (kosten!)frei zugänglichem Lehrmaterial für Standardabschlüsse bzw. Zertifizierungen und dem Angebot von (modularen?) Prüfungen.
    (Vgl. „Telekolleg“ für alle. Die Materialien wären gleichzeitig als Ergänzung zum Schulunterricht für Schüler nutzbar.)
  • Nahezu formloser Zugang zu öffentlichen und öffentlich anerkannten (z.B. angeboten von Buchketten, Verlagen, Medienhäusern ähnlich wie “Barnes and Noble University”) kostenfreien, außerschulischen Lernprogrammen mit geringen Prüfungskosten: Modulare Zertifizierungen, die „sammeln“ über einen vergleichsweise langen Zeitraum erlauben. Folge: Absenkung der Einstiegshürden, flexible Anpassung an Lebensumstände (Familenfreundlich), Motivation zur Steigerung der Bildung quer durch die Bevölkerung.
  • D.h. keine Anmeldung mit Verpflichtung bzw. Kosten über Jahre hinweg, dennoch Möglichkeiten die Weiterbildungen zertifiziert zu bekommen.
  • Staatliche und private Förderprogramme nicht unbedingt für die „Top-Performer“ – die oft ohnehin schon optimal gefördert sind -, sondern für die Motivierten, egal wie die Noten evt. aussehen. D.h. Vergabe verstärkt nach Interviews und (wichtig!) breite Informationen dazu in Schulen und Medien.
  • „Zulassen, dass die Motivierten Erfolg haben können.“
  • Lebenslanges Lernen: Konsequent auch Förderprogramme und Stipendien für Erwachsene anbieten. Auch hier: nicht nur zur beruflichen Bildung, sondern wieder verstärkt zur Allgemeinbildung.
  • Klare Absage an den Trend, dass Bildungsurlaub verstärkt als „Urlaub“ / „Leistungsverweigerung“ wahrgenommen wird.

Schulpflicht oder nicht

Dies ist eine Antwort auf eine Mail der Liste AG Bildung.

Sie wurde länger als geplant (zu wenig Kaffee im Hirn), ich hatte ohnehin einen Blogeintrag zum selben Thema schreiben wollen. Hier ist sie:

Moin, Jürgen

Sorry, aber ich habe damit noch immer ein Problem: Ich traue den Eltern nicht unbegrenzt. Ich hatte Mitschülerinnen aus religiösen Familen (unterschiedliche Glaubensrichtungen), für sie war die Schule der einzige Ort außerhalb der Religionsgemeinschaft.

Während ich nicht an die Machbarkeit einer allgemeinen “Bildungsgerechtigkeit” glaube, denke ich doch, dass ein demokratischer Staat Kindern dieses Staates eine solide Grundbildung gemäß demokratischen Werten und wissenschaftlichen Erkenntnissen garantieren soll – unabhängig vom Geschlecht des Kindes, der Glaubenszugehörigkeit der Eltern, den finanziellen Möglichkeiten des Elternhauses und dem Lernumfeld. Ein Kind (Jugendlicher) kann keine Rechte einfordern, von denen er / sie niemals gehört hat. Es bringt einer jungen Frau nichts, wenn sie theoretisch Anspruch auf Bildungsförderungen hätte und kostenlos weiter zur Schule gehen könnte, wenn sie nie davon erfährt und niemand hat, der ihr ggf. mit den Formularen hilft.

Gleichzeitig sehe ich die umfassende Verstaatlichung von Kindererziehung ebenso kritisch. Es darf auch nicht sein, dass der Staat die Kinder ihren Eltern entzieht. Die Piraten setzen sich für Freiheit ein – in meinen Augen können wir die größtmögliche Freiheit garantieren, indem eine Schulpflicht zwar besteht, diese aber nicht 100% der verfügbaren Zeit abdeckt. (Die Ganztagsabdeckung, auch in den Ferien wäre ein *Angebot* für Leute, die es nutzen wollen oder müssen.)

Denkbar wäre z.B. eine Schulpflicht, die sich – ähnlich wie Berufschulunterricht im Dualen System – auch in Form von Blockunterricht flexibel gestalten lässt.

Mir geht es darum, die Schule so zu verändern, dass individuelle Förderung stärker möglich ist. Gleichzeitig lassen sich so Behinderte integrieren und individuelle Schwächen oder Interessen fördern. (Dass das mit Frontalunterricht im Klassenverband nicht zu lösen ist, sollte klar sein.)

Das andere Problem, das ich mit der Bildungspflicht habe, ist einerseits die Qualität und ideologische Ausrichtung der Lehrer, die sich durch Stichproben eben nicht angemessen kontrollieren lässt. Andererseits könnte sich leicht ein noch radikalerer kommerzieller Bildungsmarkt entwickeln, als wir ihn momentan schon im Privatschul- und Nachhilfebereich haben. (Diese Nachhilfeinstitute sind übrigens ein guter Indikator ob ein System erfolgreich ist: Im Idealfall gibt es keine minderjährigen Kunden mehr. Für tatsächlich hochbegabte oder massiv lernbehinderte Kinder spricht natürlich nichts gegen eine Ausnahmeregelung.)

Ich bin nicht über die Details des Zustandekommens der UN-Kinderrechtskonvention informiert. Ich würde aber nicht ausschließen wollen , dass die Bildungspflicht schon deswegen bevorzugt wurde, weil eine allgemeine staatliche Schulpflicht in etlichen der beteiligten Länder einfach nicht mach- und durchsetzbar wäre.

Die Schulpflicht ist nicht ideal, aber die Alternativen haben im berühmten Einzelfall so viele Nachteile, dass ich nicht bereit bin, das Risiko einzugehen, dass ein Teil der Kinder auf Wunsch ihrer Eltern bis ins Erwachsenenalter weitgehend von Aufklärung, Wissenschaft, Gleichberechtigung oder auch künstlerischer Betätigung ferngehalten wird.

Viele Grüße und eine schöne Woche!
Cae

Bildung / Education

Eventually this might become a list of resources. As long as its totally unstructured, it’ll be a blog entry.

Deutschsprachige Ressourcen:

English Resources

Articles on civil rights in the classroom: