Category: Uncategorized

Hat „Big Data“ den US-Wahlkampf gewonnen oder doch nicht?

Das Interview mit dem Entwickler und in der Folge etliche Artikel darüber, wie „Cambridge Analytics“ die US-Wahlen beeinflusst hat, sorgen gerade für viel Wirbel. Bei den Kommentaren und Diskussionen geht einiges durcheinander und entsprechend gibt es die üblichen Empörungswellen und Verbotsforderungen.

Wie funktioniert nun das System, das Cambridge Analytics vermarktet? Zunächst einmal muss deutlich gesagt werden, dass es hier um Daten geht, die durch ein Werbenetzwerk – genauer: Facebook-„Likes“ – erfasst wurden. Der Auswertung dieser Daten haben die Nutzer in einer AGB zugestimmt, die zumindest nach US-Recht legal ist.

Ein Teil der Aufregung lässt sich wohl damit erklären, dass etlichen Internetnutzern allmählich klar wird, dass ihre Zustimmung zur „Profilbildung, damit wir Ihnen passgenaue Werbung einblenden können, die weniger nervt“ eventuell weiterreichende Folgen haben könnte, als der blinkende Hinweis auf das Sonderangebot der Woche. Denn was Cambridge Analytics (CA) gemacht haben will, ist, dass sie basierend auf „Likes“ ein Persönlichkeitsprofil erstellten und auf dieses Persönlichkeitsprofil abgestimmte Werbung – nur eben in diesem Fall für eine politische Idee – einblendeten.

Dabei gab es zwei Ziele. Das eine versteht jeder sofort: mehr Wählerstimmen für den Kandidaten. Daher bekommt der ängstliche Wähler eine Werbebotschaft, die für Sicherheit wirbt, der konservative Wähler eine die für Wohlstand und Beständigkeit steht. Neu ist hier allerdings, dass man nicht riesige Bevölkerungsgruppen als pauschales Ziel nimmt, sondern kleinteiliger vorgeht und damit – so die Behauptung – genauer die „wunden Punkte“ bei der Zielperson erreicht.

Wahlen werden durch prozentuale Anteile an den abgegebenen Stimmen gewonnen, daher gewinnt man, indem man mehr Stimmen für den eigenen Kandidaten bekommt oder der Gegner weniger Stimmen als man selbst erhält.

Entsprechend ist das andere im Interview erwähnte Ziel für den Verkauf eher uninteressant, bei Wahlen aber wichtig: Das Verhindern von Stimmen für den Gegner. Hier geht es nicht darum, um Stimmen für den eigenen Kandidaten zu werben, sondern Wähler, die für den Gegner stimmen würden, von dieser Stimmabgabe abzuhalten. Sie sollen ihre Meinung gar nicht ändern, aber genug verunsichert werden, dass sie sich enthalten oder erst nicht zur Wahl gehen. Als Beispiel wird angeführt, dass die Botschaft z.B. lauten kann: „Dein eigentlich bevorzugter Kandidat hat etwas getan, was deinem Arbeitsplatz schadet.“

Es geht bei den Wahlkampfaktivitäten von Cambridge Analytics also nicht darum, große Wählergruppen zu erreichen und deren Meinungen zu ändern, sondern bei knappen Verhältnissen, die wenigen wahlentscheidenden Prozente umzusetzen.

CA hat für Trump nicht den Wahlkampf in dem Sinn gewonnen, als dass man Trump dort erst bekannt und beliebt gemacht hat. Die nötige Reichweite und den Bekanntheitsgrad hatte er schon vorher durch die klassischen Massenmedien erreicht: Print (Boulevardpresse und Wirtschaftspresse) und TV (seine Reality-Show „The Apprentice“). Es wird auch nicht behauptet , dass die von Cambridge Analytics verwendete Methode 100 Prozent Treffer- und Umsetzungsquote hat. Behauptet wird aber, in einem sehr knappen Wahlkampf – im Hinblick darauf, was im US-Wahlsystem tatsächlich wahlentscheidend ist – die letztlich entscheidenden Stimmen geliefert zu haben.

Dass CA die dafür erforderliche Menge User erreicht haben kann, scheint durchaus plausibel. Wie relevant die Methode bleibt, wenn mehrere Kandidaten sie gleichzeitig anwenden, werden wohl zukünftige Wahlkämpfe zeigen. Sicher ist nur: Cambridge Analytics wird dabei sehr, sehr viel Geld verdienen.

Bundestagswahl

Die Landeslisten für die Bundestagswahlen sind auch so ein Thema, über das wir zu wenig reden. Naja, nicht alle – aber „die Basis“ hat das Thema noch nicht wirklich auf dem Schirm. (Zumindest nicht hier in NRW, wo wir zugegebenermaßen auch durch die vorgezogene Landtagswahl abgelenkt waren.)

 

Wenn ich richtig informiert bin, steht bereits fest, dass wir Landeslisten machen werden. Das heißt, dass jedes Bundesland eine eigene Kandidatenliste aufstellen wird, die dann anteilsmäßig „ziehen“ werden.

 

Soweit, so gut: Die meisten Kandidaten werden ohnehin nur regional / in den Ländern bekannt genug sein, um eine halbwegs fundierte Wahl durchführen zu können. Es ist auch kein Geheimnis, dass ich – zumindest für NRW – wieder gern das Approval-Voting im Einsatz sehen würde: Bei der Aufstellung der Landtagskandidaten haben wir damit eine gute Wahl getroffen und allein die Tatsache, dass mindestens 50 % der Anwesenden einen Kandidaten für geeignet halten, sorgt für die nötige „Verankerung“ in der Basis.

 

ABER: Ich möchte, dass wir uns vorher der Konsequenzen bewusst sind. Das Wahlverfahren wird dafür sorgen, dass wir – selbst wenn wir auf den Listen noch eine einigermaßen akzeptable Zahl an Kandidatinnen haben – wir wahrscheinlich eine Männergruppe mit vereinzelten Frauen in den Bundestag schicken werden.

 

Warum? Ganz einfach: a) wir haben in der Partei nun mal tendenziell weniger Frauen und damit auch logischerweise weniger Kandidatinnen als Kandidaten b) von den Frauen, die sich tatsächlich um ein Mandat bewerben, haben nur wenige die nötige „Reichweite“, um auf einen der vorderen Listenplätze zu kommen – und letztendlich werden nur die relevant sein. (Meiner Ansicht nach korrelierte bei der NRW-Aufstellung die Listenverteilung weniger mit Geschlecht als mit „Reichweite“, d. h. Aktivitäts- und Bekanntheitsgrad. Auch das ist OK: Es wurden tendenziell eher Leute nominiert, die man bereits kennt und deren Verhalten und Haltung in diversen Situationen bereits bekannt und damit relativ einschätzbar ist.)

 

Ich bin gegen eine Frauenquote innerhalb der Piraten und auch bei der Listenaufstellung (nicht in der Wirtschaft – gläserne Decken sind ein anderes Thema), auch wenn ich von ihr profitieren würde. Ich schreibe diesen Text, weil ich hinterher nicht das Gejaule hören will, dass wir wieder „viel zu wenige Frauen“ in den Bundestag schicken. Unsere Zusammensetzung und die Zahl der Frauen mit „Reichweite“ wird sich bis zu den Nominierungen nicht mehr grundsätzlich ändern. Wenn etwas aber so offensichtlich ist, dann erwarte ich auch genügend Rückgrat: Ohne Quoten werden wir nur wenige, im Extremfall (von dem ich nicht ausgehe, weil ich glaube, dass z. B. Berlin sehr viele Frauen nominieren wird) werden wir sogar keine Frauen in den Bundestag schicken – und ich will dann hinterher nicht wieder das gleiche Gejammer hören, dass wir jedes Mal hinterher beim Durchzählen des Frauenanteils hören. Zumindest will ich es nicht von Piraten hören.

 

Wem es so wichtig ist, dass Männer und Frauen relativ gleichmäßig verteilt auf den Listen kandidieren, derjenige muss dann auch für eine Quote sein. Wer aber die Quote ablehnt sollte a) weder Druck auf Frauen ausüben auch gegen ihre Überzeugung zu kandidieren b) hinterher nicht die Frauen abzählen c) nicht so tun, als ob eine Männerriege nicht absehbar war.

 

Übrigens: Ich denke noch immer ergebnisoffen über eine Kandidatur nach. Mein Mann und ich werden entsprechend darüber noch öfter und in Ruhe reden – ja, Kandidaturen betreffen auch Angehörige und deren Lebensplanung – ich verspreche aber, dass es keine „Spontankandidatur werden wird. Wie ich übrigens von ALLEN Kandidaten erwarte, dass sie sich vorstellen und „grillen“ lassen – auch wenn sie unsicher sind: Zurückziehen kann jeder auch in der letzten Sekunde, aber die Möglichkeit zur eingehenden Befragung und Vorstellung muss im Vorfeld gegeben sein, denn bei den Versammlungen haben wir nicht die Zeit dafür.

 

Tl,dr: Nur die vordersten Listenplätze der Landeslisten werden bei der Bundestagswahl tatsächlich relevant sein. Wenn da keine Frauen dabei sind, sind eben keine Frauen in der Bundestagsfraktion. Deal with it.

Jenseits der Quote – Die Piratenpartei und die Frauendebatte

Momentan ist die Tatsache, dass Frauen in der Piratenpartei relativ zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung unterrepräsentiert sind ein Thema, das auch parteiextern gern aufgenommen wird. Immerhin bietet sich hier die Möglichkeit, einerseits Klischees zu bestätigen und andererseits die junge Partei anzugreifen, ohne dass man sich auf die weit komplexere und zeitaufwändigere inhaltliche Debatte einlassen muss.

So wird also ein vermeintlicher Schwachpunkt medienträchtig vorgeführt, für den man glaubt, die offensichtliche Lösung zur Hand zu haben.

Falls sich die Autoren der entsprechenden Beiträge gefragt haben, warum sich ausgerechnet die progressiven und avantgardistischen Piraten gegen eine Frauenquote aussprechen, führte dies offensichtlich zu nicht mehr als einer kurzen Irritation: Zumindest bislang konnte noch keine Frau in der Piratenpartei gefunden werden, die zu diesem Thema befragt worden, bzw. deren Antworten dann auch in den Artikel eingegangen wäre. Der schnelle plakative Journalismus bevorzugt kurze Aussagen und geringe Recherche. Insofern sagen die Texte mehr über den Zustand der Medien als über Frauen in der Piratenpartei aus.

Tatsächlich lässt sich der geringe Frauenanteil in der Piratenpartei (wobei Parteien generell bei der Mobilisierung von Frauen Probleme haben und bei den Grünen auch 30 Jahre Frauenquote herzlich wenig daran ändern konnte) auch als ein Symptom für ein noch viel grundsätzlicheres Problem betrachten: Die erschreckend homogene Zusammensetzung der Gruppe der politisch Aktiven. Entsprechend muss die Frage nicht lauten: „Wie kann man die aktive Teilhabe von Frauen an politischen Prozessen fördern?“ sondern vielmehr „Wie kann man generell unterrepräsentierte Gruppen verstärkt bei der aktiven Teilnahme in der politischen Interessenvertretung unterstützen?“

Die Piratenpartei hat sich als Ziel die echte und aktive Beteiligung aller Bürger am politischen Prozess auf die Fahnen geschrieben. Dazu müssen Hemmschwellen erkannt und weitgehend abgebaut werden. Die Fokussierung ausschließlich auf den Frauenanteil führt dabei zu Fehlschlüssen und verkennt das tieferliegende, viel grundsätzlichere gesellschaftspolitische Problem: Partei-Politik wird aktuell maßgeblich von Männern des bürgerlichen Mittelstands gestaltet. (In der Gesamtpolitik spielt inzwischen die Einflussnahme durch Lobbyisten eine so große Rolle, dass die tatsächlichen Machtstrukturen inzwischen weitgehend intransparent geworden sind.)

Zurück zur Quote – und dem offensichtlichen Beispiel, der Frauenquote:

Von ihr hat man sich langfristige Effekte erhofft, die in dieser Form nicht eingetreten sind: Die gleichberechtigte Beteiligung der Frauen innerhalb der Grünen ist noch immer nicht selbstverständlich. Nach wie vor werden Quoten verwendet, damit Frauen in Diskussionen und bei der Ämtervergabe nicht benachteiligt werden. Die Frage muss erlaubt sein: Wird hier schlicht mit dem falschen Mittel gearbeitet?

Was kann eine Quotierung leisten?

– Akute massive Hindernisse und Blockaden können damit wirksam aufgebrochen werden (Stichwort „gläsernde Decke“)
– Gruppen können damit zur zivilisierten Zusammenarbeit gezwungen werden, die sich sonst als geschlossene Front präsentieren würden („Boysclub“ vs. „quotierte Redelisten und Mandats/Ämterbesetzung)

Was kann eine Quotierung nicht leisten?

– Die Zahl der tatsächlich Aktiven wird allein durch eine Quotierung nicht nachhaltig und deutlich gesteigert. (Eine Hoffnung war, dass sich durch die Quote mehr Frauen politisch engagieren und qualifizieren. Ein Blick auf das ewig gleiche grüne “Frontpersonal” zeigt, dass sich hier viel zu wenig bewegt. Würde die Quote heute abgeschafft, würde sich die weibliche Beteiligung wohl auf einem Niveau, nicht unähnlich dem der Piratenpartei einpendeln.)

– Tiefgreifende strukturelle Veränderungen werden nicht durch eine Quotierung erreicht. Vielmehr hat die Quotierung, die eigentlich als schlagkräftiger Notbehelf zu betrachten ist, eine Eigendynamik entwickelt: Es wird nicht besseres und qualifizierteres Personal erzeugt, sondern das ohnehin vorhandene wird nur anders verteilt. Hinzu kommen aber auch noch unerwünschte Nebeneffekte – auch aufgrund der zahlenmäßigen geringen Auswahl: “Wenn nur eine Frau antritt, ist sie auf jeden Fall schon gewählt”.

Wenn die Quote also kein geeignetes Mittel für Mobilisierung und „Empowerment“ ist, wie kann man dann Leuten, die bisher nicht aktiv an der Politik teilgenommen haben, Hindernisse aus dem Weg räumen? Auch wenn bei den folgenden Vorschlägen Frauen als Beispiel genommen werden, betrifft dies alle unterrepräsentierten Gruppen: Arbeiter, Bürger mit geringerem Bildungsabschluss, Migranten, Schüchterne, besonders Junge oder Alte, Alleinerziehende, Arbeitslose, Kranke etc.

Ansatzpunkte für eine effektive Öffnung politischer Strukturen:

– Mit den Leuten reden, statt über sie: “Niemand tut etwas ohne Grund” und es gibt vielfältige Gründe, kein Amt oder Mandat anzustreben (oder auch nur Kontakt beim nächstgelegen politischen Treffen zu suchen). Ziel muss sein, diese Hindernisse zu erkennen und sie weitgehend zu beseitigen, statt sie kleinzureden oder wegzudiskutieren bzw. mit z.B. einer Quote auszublenden.

– Empowerment: Viel zu oft hören Menschen „Du kannst das doch gar nicht.“, „Lass das mal die machen, die davon eine Ahnung haben.“ (Übrigens eine Argumentationslinie, die auch gegen die Piratenpartei als Ganzes zum Einsatz kommt.) Auch innerhalb der Parteien muss das Credo gelten: „Du kannst das lernen.“

– Neueinsteiger tatsächlich integrieren und fördern: Es genügt nicht, formell keine Einstiegshürden zu haben (“Wir sind so basisdemokratisch, da kann es erst gar keine Diskriminierung geben.” / “Jeder kann mitmachen, also wollen die doch gar nicht (ernsthaft) mitarbeiten.“) Für die Piratenpartei bietet sich hier ein Blick auf die Debatten um den geringen Frauenanteil in der FLOSS-Community an, wo das Problem spätestens seit 2009 zumindest wahrgenommen wird. Hier gibt es bereits Erklärungsansätze und was viel wichtiger ist, auch Projekte, in denen ausgehend von diesen Thesen Änderungen vorgenommen und der “Neuaktivenanteil” (und damit auch der Frauenanteil) massiv gesteigert wurde. Als Einstieg hier die OSCON-Keynote von Skud http://infotrope.net/2009/07/25/standing-out-in-the-crowd-my-oscon-keynote/ (als Text und Video imNetz vorhanden. Von hier aus finden sich auch Links zu Beiträgen zum Thema “nicht wahrgenommene Diskriminierung/Sexismus bei IT-Kongressen”.)

– Soziale Umgangsformen pflegen, die anfänger- und fehlertoleranter sind. Dies gehört zwar unter “Empowerment”, ist aber so wichtig, dass dies nochmal betont werden muss: RTFM ist ein absolutes No-Go! Lernprozesse müssen gefördert, begleitet und vorangetrieben werden.

– Abschaffung von „Katzentischen“, an denen die Neuzugänge oder Leute mit unpopulären Skills Platz zu nehmen haben. Gern benutzt bei IT-Projekten: Doku, bei Frauen in der Politik: Bildung, Gesundheit, Soziales, Verwaltung, Gleichstellungsfragen. Wenn Neuzugänge sich qualifizieren möchten, dann bitte über schrittweise, frühe Einbindung ins Hauptprojekt (vgl. oben zitierte KeyNote). Btw: nicht alle Neuen sind auch Anfänger.

– Insider- und Herrschaftswissen abbauen: Das funktioniert nur, wenn ein Bewusstsein für solches Herrschaftswissen besteht. Bei den Piraten ist dies – aller Transparenz zum Trotz – das Wissen um Abläufe, Formalia, Ansprechpartner, verwendete Kommunikationsstrukturen (Vernetzung, Treffpunkte, Tools).

– Sozialkompetenz / Teamdenken: Abweisende und abschreckende Situationen sind oft das Ergebnis mangelnder Sozialkompetenz. „Wir reden nun mal so“ ist genauso wenig akzeptabel wie umgekehrt die Forderung “Nun haben alle auf Politische Korrektheit zu achten”. Alle Piraten spielen fürs selbe Team, entsprechend müssen sich auch alle aufs Teamplay einstellen.

– Finanzielle und physische Fragen der Teilhabe: Hier haben die Piraten teilweise Vorbildfunktion. Es gibt Streams von Veranstaltungen und Sitzungen, viel wird über asynchrone Kommunikation und dezentrale Parteiarbeit via Mumble, Pads und Liste bearbeitet. Gleichzeitig gibt es aber auch handfeste Probleme: Solange das Stimmrecht und damit die demokratische Vertretung allein auf die physische Anwesenheit auf einem Parteitag gekoppelt ist, verliert der nichtmobile / verhinderte Pirat 100% seiner Partizipationsmöglichkeit. Dieses Problem muss noch viel stärker als bisher angegangen und gelöst, statt kleingeredet und zum Privatproblem erklärt werden.

– Raus aus der Opferrolle: Auch dies muss deutlich gesagt werden: Politik funktioniert nicht, wenn man den (virtuellen) Mund nicht aufmacht, um Meinungen, Anträge und Positionen zu vertreten. Viele der Hemmschwellen sind abbaubar – s.o. “Ich kann das lernen” – oder mit Training wenigstens soweit reduzierbar, dass man sich an die Kontaktaufnahme mit einer extrovertierteren Person heranwagt. Wesentlich ist aber bei all den Trainings und Lernmöglichkeiten, dass diese nicht nur Personen zur Verfügung gestellt werden, die bereits öffentlich auftreten („Lass das die machen, die davon eine Ahnung haben.“), sondern dass entsprechende Lern- und damit auch „Aufstiegsmöglichkeiten“ allen Interessierten angeboten werden.

Kurz zusammengefasst:
Die Piraten setzen sich aktiv für aktive, demokratische Gestaltungsmöglichkeiten Aller, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Bildungsgrad, Gesundheitszustand, Alter, sozialem Status, Mobilität usw. ein.

Die Sache mit der Teilhabe

Ich nehme jetzt mal eine Twitterdiskussion zum Anlass, einige Überlegungen zur politischen Teilhabe aufzuschreiben*:

Ich glaube, ich habe schonmal zu diesem Thema gebloggt (Yup: Selbst schuld). Es geht darum, dass die Piratenpartei zwar einerseits lautstark verkündet, wie basisdemokratisch und revolutionär es doch ist, dass jedes Mitglied beim BPT selbst mitentscheiden und Anträge stellen kann – anderseits aber Augenklappen über beiden Augen trägt, wenn es darum geht, dass diese physische Anwesenheit dazu führt, dass die Mehrheit der Piraten selbst in der CDU besser repräsentiert wären: Da hätten sie zumindest die Hoffnung, dass ihr gewählter Delegierter ihre Interessen vertritt.

Bei den Piraten hat, wer nicht zum BPT kann, schlicht gar keine Stimme.

Es liegt nicht immer in der Freiheit eines Piraten, am Parteitag teilnehmen zu können. Inklusion geht anders.

Wenn im Liquid Feedback Delegationen als positive Machtakkumulation bei fähigen Vertretern betrachtet wird, warum wird dann gleichzeitig die Möglichkeit von Delegationen bei BPTs und LPTs kategorisch abgelehnt?

Meine Vermutung ist, dass bei “Delegationen” ausschließlich an das bekannte System der anderen Parteien gedacht wird. Denken wir doch mal anders:

(Reihenfolge ohne Wertung und erstmal auch ohne Rücksicht aufs Parteiengesetz: keine Ahnung, ob das evt. das Einhalten von Gebietsgliederungen oder gleich starke Delegierte verbindlich vorschreibt.)

– Quick n Dirty: “One Man, up to two Votes”
Jeder Pirat kann seine Stimme an einen anreisenden Piraten übertragen, sodass dieser mit 2 Stimmzetteln ausgestattet wird.
Vorteil: 2 Arme für 2 Stimmkarten (GO Antrag: 2 Arme oben, ohne Karten und der Schrei “GO-Antrag” – die Unterscheidung schaffen wir gerade noch).
Nachteil: Begrenzung auf 2 Stimmen, wenn Reisepirat krank wird, sind wieder beide Stimmen futsch
Sind solche Mischverfahren parteiengesetzkonform? Könnte man einen Landeswahlleiter davon überzeugen, dass es ermöglicht wird?
Technik: Nur die eindeutige Übertragung – ggf. per Briefpost mit Akkreditierungstoken

– Klassische Delegationen, aber nicht regional gebunden
D.h. Piraten tun sich zu Abstimmungsgruppen zusammen, die einen Vertreter entsenden.
Vorteil: Piraten sind nicht an Delegierte aus ihrer Region gebunden, wo sie evt. Minderheitenpositionen vertreten
Nachteil: Wer sich aktiv um Stimmweitergabe kümmert, würde ggf. auch selbst abstimmen wollen / können, wer Stimmen weitergibt darf selbst nicht mehr teilnehmen – bei einem reinen Delegiertensystem verlieren also ggf. Piraten direkten Einfluss
Tu_Bors Vorschlag scheint in diese Richtung zu gehen:
http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:TurBor/Antr%C3%A4ge/Delegiertensystem

– Dezentrale Parteitage mit Streams
Vorteil: Befragungen etc. finden weiter gemeinsam statt
Nachteile: Ausfallrisiko von Technik, Parteiengesetz ?, Orga/Raumsuche ist ebenfalls Dezentral, aber termingebunden
Physische Anwesenheit ist weiterhin erforderlich und schließt Kranke, Arbeitende, Pflegende, Verreiste etc. aus.

– Dezentrale Parteitage mit Streams und lokalen Wahllokalen
Spielen wir doch “Grand Prix Eurovision” und geben die Stimmen lokal ab, zählen lokal aus und geben die Zwischenergebnisse per Telefon weiter
Vorteil: müsste gehen, da bei Bundestagswahlen ähnlich verfahren wird. Ggf. mal bei Landes- und Bundeswahlleitern anfragen, was diese meinen
Nachteil: siehe oben, Synergie- und Netzwerkeffekte von zentralen Treffen entfallen

– Briefwahl / Urabstimmung
Vorteil: müsste rechtlich OK sein, alle Piraten können mit wenig Aufwand teilnehmen
Nachteil: für Vorstandswahlen brauchbar, bei Programmparteitagen eher umständlich, keine RL-Netzwerkeffekte, Antragsvorstellung & Befragung muss ausschließlich im Vorfeld über die Piratenmedien erfolgen
Allerdings könnte man natürliche eine zentrale Auszählparty machen.

Hier noch der Link zu Andi Popps Blogeintrag zum Thema (aus den Kommentaren zu “Selbst schuld”): https://andipopp.wordpress.com/2010/04/15/von-der-basis-ihrer-demokratie-und-der-vollversammlung-oder-jehova/

*Meine Blogeinträge ergänze ich ggf. auch ohne jede Veränderung zu markieren. Falls also zusätzliche Punkte auftauchen: Es ist jetzt spät und ich hab garantiert einige Varianten vergessen.

Piraten und Kreative – mal wieder das Urheberrecht

Wenn ich Zeit dafür finde, werde ich den unten stehenden Text noch zu einem Blogeintrag überarbeiten. Erstmal also nur ein Copy-Paste von der Mailingliste:

Hi!

Ich bin “neu” auf der Liste hinzugekommen. U.a. weil ich bei Diskussionen auf Twitter auf Felicea und Boris traf. (Letzeren auch mal in RL.)

Ich halte die derzeitige Diskussion wie sie bei den Piraten läuft für sehr ideologisch und emotional aufgeladen – und daher leider auch sehr kurzsichtig.

Zum einen, weil – nicht von allen, aber oft sehr lautstarken – Piraten zu hören ist, dass Kreative (ich nehme das Wort jetzt mal für alle Kontent-Ersteller, ob das Autoren, Musiker, Maler etc. sind) Schmarotzer an der Gesellschaft seien* und nicht erwarten dürfen, für ihr “Hobby” Geld zu verdienen.

Wer glaubt, dass das übertrieben ist: Die Diskussion in dieser Form hatte ich mehr als einmal (u.a. live in Chemnitz). Positionen wie diese haben uns nicht nur die Sympathien und politische Glaubwürdigkeit, sondern auch die Mitgliedschaft und Unterstützung genau der Leute gekostet, die uns als potentielle Mulitplikatoren begegnet waren.

Die wenigsten Piraten kennen die Uppsala-Declaration. Noch weniger haben je von Fair Use gehört, und wie es in anderen Ländern eingesetzt wird, um Abmahnunfug und Kreativitätsschranken à la Deutschland zu verhindern oder zumindest einzuschränken.

Statt die Position von Kreativen gegenüber von Verwertungsgesellschaften
(Stichwort: Buy-Out Verträge, Gesamtabtretung) zu stärken, die – nicht per se, aber in ihrer Ausformung als profitoptimierte Abmahnungsmaschine – sowohl ein Problem für Kreative als auch für die User darstellen, wird auf die Kreativen eingedroschen.

Wir wollen, dass Arbeit anders gestaltet wird. Wir wollen auch, dass Arbeit anerkannt wird und zu einem Einkommen führen kann, das über eine wie-auch-immer-genannten Grundsicherung hinausgeht. Wir wollen all das:
Außer, wenn jemand sagt, dass er sein Geld als Kreativer verdienen will (und kann! – ich rede nicht von Leuten, die völlig am Markt vorbeibasteln, sondern von denen, deren Werke tatsächlich nachgefragt und geschätzt werden). Wenn ich für jedes “der Künstler kriegt eh BGE, der braucht seine Werke nicht als Einkommensquelle” 2 EUR gekriegt hätte, könnte ich inzwischen in den Urlaub fahren.

Ja, ich glaube, dass wir eine neue Diskussion brauchen. Aber nicht um 5, 10, 20 oder 30 Jahre Urheberrecht, sondern über Mechanismen der Medienwirtschaft. Über eine großzügige Fair Use-Regelung (die sich übrigens auch hervorragend als politisches Nahziel anbietet) und über die Knebelverträge von Gema, VG-Wort und Co, die heute Künstlern verbieten,ihre eigenen Werke auch mal zu verschenken oder einzelne Stücke oder eine Jahresproduktion unter CC zu stellen.

Wir sollten mehr darüber reden, wie wir es Kreativen leichter machen, ihre Werke auf alternativen Wegen anzubieten. (Dazu gehört übrigens auch die Frage nach einem gebührenfreien, bargeldähnlichen Mikropayment.)

Es ist nicht unser Job, Kreativen das Leben schwerer zu machen, sondern ihnen und uns allen Freiräume bei der Erstellung und beim Umgang und der Weiterentwickung der kreativen Werke zu schaffen und zu garantieren.

Insofern: Ein netter Artikel, aber ich halte ihn für zu ungenau und ohne echte Vision, um eine Debatte beflügeln zu können.

cya,
Cae

*”Logik”: Jedes Werk basiert auf der Allmende und ist daher ein Teil von dieser. Wer also ein Werk schafft und nicht frei verfügbar macht, wird dadurch zum Dieb.

Hm … nachdem ich den Blogartikel noch immer nicht geschrieben habe, packe ich dies hier direkt auch ins Blog.

AG Basisarbeit

Wer hat da schon wieder den Kalender vorgestellt?

Der Januar ist schon vorbei, und von der ToDo-Liste sind noch nicht alle Januareinträge verschwunden. Tsk.

Noch recht neu ist die AG Basisarbeit http://wiki.piratenpartei.de/AG_Basisarbeit , mit der die “Alltagsprobleme” der Piraten vor Ort angegangen werden sollen.

Für alle Interessierten oder Neugierigen: Das nächste Treffen ist am Di, um 20 Uhr im NRW-Mumble. (Der Raum ist unter “Öffentlichkeitsarbeit”.)

Am letzten Wochenende wurde ich als Beisitzerin in den örtlichen Piraten-Vorstand gewählt.

Und noch ein wenig Werbung: Sven Sladek organisiert für das erste Aprilwochenende ein Barcamp zum Thema “Soziales”.
Ort und Unterbringung und Verpflegung: Jugendherberge Soest. Unterbringung ist auch in einem Konferenzhotel (10 min Fußweg) möglich – das Mittagessen ist auch “solo” bestellbar.

http://wiki.piratenpartei.de/Crew:AK/Arbeit_und_Soziales_NRW/Sozicamp

(Sollten die Links nicht funktionieren: Es ist nicht völlig auszuschließen, dass das Wiki kurzzeitig offline ist.)

Ein kurzes Update als Lebenszeichen

2011 hat angefangen und irgendwie kann ich mich nicht so ganz an die Jahreszahl gewöhnen (Wer hat eigentlich die Neujahrskarte mit den guten Wünschen für 2012 erhalten? Ich bin relativ sicher, dass ich das mindestens ein Mal geschrieben habe – aber bis in mir dieser Verdacht aufkam, waren die Umschläge schon zu und eingeworfen.)

Was gibt es Neues? Ich versuche WordPress beizubringen, dass ich das Litgeeks Blog gern unter diesem Nick weiterführen möchte. Bisher scheint WordPress das für eine weniger gute Idee zu halten, oder ich habe bei der Übertragung irgendwas falsch angeklickt.

Bei den Piraten gibt es eine kleine Schwerpunktverlagerung. Das liegt auch daran, dass ich zwar nach wie vor an Bildung interessiert bin, aber ebenso nach wie vor wenig Interesse an aktueller Schulpolitik habe – was aber verständlicherweise für die Leute am Infostand ein wichtiges Thema ist. Ganz raus aus dem Bildungsthema bin ich aber dennoch nicht.

Ein Thema, das mir wichtig scheint ist die Basisarbeit vor Ort. In NRW haben die Piraten zwar Erfahrung mit Wahlkämpfen und Aktivierung in Wahlkampfzeiten, aber langfristige Basisarbeit vor Ort ist als Thema noch nicht wirklich angekommen.

Offenbar bin ich mit der Ansicht, dass das Sammeln von Themen, Lösungen, Ansätzen, Ideen und Infos zur Basisbarbeit eine sinnvolle Sache ist nicht allein: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde spontan die AG Basisarbeit gegründet. (Nein, die Wikiseite ist heute noch nicht mit Inhalten gefüllt. Zumindest jetzt noch nicht.)

Außerdem wird es Zeit, dass ich meine inzwischen überlange Schreibpause beende. Ich bin selbst gespannt, wie weit ich in einem Jahr kommen kann.