Category: politik

Hat „Big Data“ den US-Wahlkampf gewonnen oder doch nicht?

Das Interview mit dem Entwickler und in der Folge etliche Artikel darüber, wie „Cambridge Analytics“ die US-Wahlen beeinflusst hat, sorgen gerade für viel Wirbel. Bei den Kommentaren und Diskussionen geht einiges durcheinander und entsprechend gibt es die üblichen Empörungswellen und Verbotsforderungen.

Wie funktioniert nun das System, das Cambridge Analytics vermarktet? Zunächst einmal muss deutlich gesagt werden, dass es hier um Daten geht, die durch ein Werbenetzwerk – genauer: Facebook-„Likes“ – erfasst wurden. Der Auswertung dieser Daten haben die Nutzer in einer AGB zugestimmt, die zumindest nach US-Recht legal ist.

Ein Teil der Aufregung lässt sich wohl damit erklären, dass etlichen Internetnutzern allmählich klar wird, dass ihre Zustimmung zur „Profilbildung, damit wir Ihnen passgenaue Werbung einblenden können, die weniger nervt“ eventuell weiterreichende Folgen haben könnte, als der blinkende Hinweis auf das Sonderangebot der Woche. Denn was Cambridge Analytics (CA) gemacht haben will, ist, dass sie basierend auf „Likes“ ein Persönlichkeitsprofil erstellten und auf dieses Persönlichkeitsprofil abgestimmte Werbung – nur eben in diesem Fall für eine politische Idee – einblendeten.

Dabei gab es zwei Ziele. Das eine versteht jeder sofort: mehr Wählerstimmen für den Kandidaten. Daher bekommt der ängstliche Wähler eine Werbebotschaft, die für Sicherheit wirbt, der konservative Wähler eine die für Wohlstand und Beständigkeit steht. Neu ist hier allerdings, dass man nicht riesige Bevölkerungsgruppen als pauschales Ziel nimmt, sondern kleinteiliger vorgeht und damit – so die Behauptung – genauer die „wunden Punkte“ bei der Zielperson erreicht.

Wahlen werden durch prozentuale Anteile an den abgegebenen Stimmen gewonnen, daher gewinnt man, indem man mehr Stimmen für den eigenen Kandidaten bekommt oder der Gegner weniger Stimmen als man selbst erhält.

Entsprechend ist das andere im Interview erwähnte Ziel für den Verkauf eher uninteressant, bei Wahlen aber wichtig: Das Verhindern von Stimmen für den Gegner. Hier geht es nicht darum, um Stimmen für den eigenen Kandidaten zu werben, sondern Wähler, die für den Gegner stimmen würden, von dieser Stimmabgabe abzuhalten. Sie sollen ihre Meinung gar nicht ändern, aber genug verunsichert werden, dass sie sich enthalten oder erst nicht zur Wahl gehen. Als Beispiel wird angeführt, dass die Botschaft z.B. lauten kann: „Dein eigentlich bevorzugter Kandidat hat etwas getan, was deinem Arbeitsplatz schadet.“

Es geht bei den Wahlkampfaktivitäten von Cambridge Analytics also nicht darum, große Wählergruppen zu erreichen und deren Meinungen zu ändern, sondern bei knappen Verhältnissen, die wenigen wahlentscheidenden Prozente umzusetzen.

CA hat für Trump nicht den Wahlkampf in dem Sinn gewonnen, als dass man Trump dort erst bekannt und beliebt gemacht hat. Die nötige Reichweite und den Bekanntheitsgrad hatte er schon vorher durch die klassischen Massenmedien erreicht: Print (Boulevardpresse und Wirtschaftspresse) und TV (seine Reality-Show „The Apprentice“). Es wird auch nicht behauptet , dass die von Cambridge Analytics verwendete Methode 100 Prozent Treffer- und Umsetzungsquote hat. Behauptet wird aber, in einem sehr knappen Wahlkampf – im Hinblick darauf, was im US-Wahlsystem tatsächlich wahlentscheidend ist – die letztlich entscheidenden Stimmen geliefert zu haben.

Dass CA die dafür erforderliche Menge User erreicht haben kann, scheint durchaus plausibel. Wie relevant die Methode bleibt, wenn mehrere Kandidaten sie gleichzeitig anwenden, werden wohl zukünftige Wahlkämpfe zeigen. Sicher ist nur: Cambridge Analytics wird dabei sehr, sehr viel Geld verdienen.

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Bericht zur OER-Konferenz #OERde14 in Berlin

Am Wochenende fand in Berlin eine Konferenz zum Thema offene und freie Bildungsmedien stattt. (OER – open educational ressources).

Solche Konferenzen und Netzwerktreffen sind ein wichtiges Mittel, um unsere Themenarbeit einerseits nach außen zu transportieren, aber auch um neue Aspekte und Impulse – und idealerweise Allianzen – mitzunehmen. Unsere Positionen können nur dann tragfähig und überzeugend sein, wenn sie außerhalb der Piratenbubbles geprüft und getestet werden.

Natürlich geht es auch darum, im persönlichen Kontakt eventuelle grundsätzliche Vorurteile gegenüber Piraten abzubauen: Wir – Wilk Spieker, Matthias Bock und ich – wurden immer wieder darauf angesprochen, wie positiv überrascht man sei, dass Piraten Themen kontrovers und konsequent diskutieren. Gerade weil wir immer wieder für „reichlich Blutduruck sorgten“ und nicht immer das sagten, was unsere Gegenüber gerade von uns erwarteten. Vor allem aber fiel wohl auf, dass wir uns mit Argumenten auseinandersetzen.

Bewegung bei den Verlagen

Umgekehrt gilt das selbe: Ich war vor einiger Zeit bei einem Runden Tisch zum Thema Urheberrecht. Damals wurden von den Verlagen ihre aktuellen Geschäftsmodelle als Non-Plus-Ultra verteidigt. Mir war das letztlich recht: Je mehr Verlage Lehrer mit restriktiven Nutzungsbedingungen ihrer Werke unter Druck setzen, desto aufgeschlossener zeigen sich diese für OER. Unter diesem Aspekt war ich für die Schnapsidee „Schultrojaner“ sehr dankbar: spätestens als dieser auch in den Medien diskutiert wurde, machten sich Lehrer auch in der Fläche Gedanken über ihre Mediennutzung – und sei es nur, weil ihre Vorgesetzten ihnen unmissverständlich erklärten, dass Lehrer bei eventuellem Ärger keine Unterstützung finden werden und ihnen auch dienstrechtliche Konsequenzen drohen.

Hier bieten OER die problemlose Alternative: OER dürften in beliebiger Zahl kopiert, verteilt, gespeichert und verändert werden. Sie verursachen keine großen Kosten und auch der von den Verlagen verteidigte „Medienbruch“ (keine Analogmedien wie Bücher digitalisieren, keine Digitalmedien einfach ausdrucken und kopieren) ist das, was es sein sollte: Kein Problem.

Mich interessierten vor allem zwei Punkte, die ich als weltweite und flächendeckende Hemmnisse für OER wahrnehme: Geschäftsmodelle und Qualitätssicherung.

Ich will beides an dieser Stelle noch nicht zu ausführlich beschreiben, aber im Grunde ist die Fragestellung vergleichbar zu der bei freier Software. (Und ich bin der Ansicht, dass wir von den Erfahrungen aus diesem Bereich lernen können.)

Insofern empfand ich die Tatsache, dass bei der OER-Konferenz etliche Verlagsvertreter vor Ort waren als deutliches Zeichen, dass OER auch in Deutschland für weit mehr Unruhe sorgen als die Branche offiziell zugeben mag. Interessant war auch, dass diesmal offenbar das Credo war: „Aber wir haben doch gar nichts gegen OER, wir wollen nur weiter Geschäfte machen können.“ Das ganz dicke Brett, dass Verlage prinzipiell keine OER erstellen wollen, ist angebohrt.

Nicht nur durch die rosa Brille: Folgenabschätzung

Wenn die von David Klett präsentierten Zahlen für Polen und Ungarn stimmen – und sie sehen zumindest nicht unplausibel aus – dann ist die Frage der Folgenabschätzung von einer politisch geförderten OER-Nutzung auf einem neuen Level angekommen.

Wir können z. B. bei Inklusion in NRW sehen, wie ein sinnvolles Konzept benutzt wird, um verdeckt Kosten im Bildungsbereich zu sparen (Schließung der Förderschulen bei unzureichenden Inklusionsmaßnahmen für die Regelschulen). Bei OER sehe ich genau dieses Problem ebenfalls kommen: Wenn weniger Geld für Bildungsmedien ausgegeben werden kann, kann ich die Etats auch extrem zusammenstreichen. Mit Widerstand ist dabei wenig zu rechenen, wenn das Label stimmt: Inklusion, OER, Modernisierung etc.

David Klett sagte in seinem Vortrag, dass genau dies in Polen und Ungarn schon geschieht. (Und dass die Verlagsangebote bei den OER-Ausschreibungen bewusst ausgegrenzt wurden.) Wenn es dann noch ein mehr oder weniger verpflichtendes OER-Schulbuch gibt, das staatlich gefördert und dessen Qualität offiziell anerkannt ist, so kann durch die politischen Rahmenbedingungen die Situation entstehen, dass die Bildungsmedien in Schulen und Hochschulen durch OER nicht vielfältiger, sondern eintöniger (oder gar „gleichgeschaltet“) werden. Dazu kommt die Frage nach dem Einwirken auf die Inhalte von politischer Seite. Wer glaubt, dass der Durchgriff zu unwahrscheinlich ist, sollte mit kritischem Blick die Bildungsdebatte in Baden-Württemberg zur Darstellung von sexueller Vielfalt verfolgen.

Ich bin der Überzeugung, dass wir auch solche Szenarien verstärkt diskutieren und tragfähige Gegenkonzepte entwerfen müssen. Insofern hätte ich gern mehr Vertreter aus der Politik – auch mehr Piraten – auf der Konferenz gesehen.

Ich freue mich, dass Wilk und ich Zusagen bekamen, dieses und einige andere kontroverse Themen rund um OER und allgemein Technikfolgenabschätzung (digitales Lernen als Panoptikum) im Nachgang zu vertiefen. Wir werden für den Bereich Bildung eine moderierte Mumble-Serie mit Gastreferenten und Diskussionen aufsetzen.

tl;dr

Am Wochenende fand in Berlin eine Konferenz zum Thema offene und freie Bildungsmedien stattt. (OER – open educational ressources).

Ausführliche Berichte, Interviews und Clips (sowie die Streams aus dem großen Saal) findet ihr unter anderem hier:

Urheber im 21. Jahrhundert

Dies ist eine sehr lang gewordene E-Mail-Antwort auf die Frage, warum der Longtail (also die “nach hinten länger offene” Vermarktung von Werken) sinnvoller ist als eine harte Beschränkung aller Schutzrechte auf 10 Jahre.

Der Kontext ist hier vielleicht nicht ganz deutlich. Evt. hilft ein Blick auf die FAQ/neueren Blogposts bei Amanda Hocking, einer jungen Autorin, die eigentlich erfolgreich die von uns bevorzugten Vermarktungswege gegangen ist und nun doch einen Vertrag mit einem großen Verlag unterschrieben hat. Ich denke, dass diese Entscheidung bei einer 10-Jahres-Beschränkung der zu beobachtende Effekt wäre – nur eben in der Masse. (Der E-Book-Preis von Hockings Büchern war bisher 99 Cent. Sie schreibt bereits, dass dieser Preis vom Verlag als nicht haltbar gesehen wird.)

Ahoi,

die Kernfrage ist schlicht, was wir als Ziel betrachten: Eine stärkere Professionalisierung der Kreativen oder eine Demokratisierung der Kreativenszene. Ich halte Letzeres für deutlich wichtiger – zumal die akuellen Probleme der User (die oft gleichzeitig Kreative sind) nicht mit den Schutzfristen per se, sondern mit der Aushöhlung von Privatkopie und fehlenden akzeptablen Angeboten im Markt zu tun haben. (Werbefinanziere “Kostenlose” Komplettangebote, echte Flatrates etc.)

Zurück zur Professionalisierung: Wenn Kreative in 10 Jahren die Einnahmen aus ihren Werken maximieren müssen – ich gehe jetzt von Leuten aus, die ihre kreative Tätigkeit als Ergänzung oder zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts betreiben, auch semiprofessionelle, die sich aus dem “Dayjob” verabschieden wollen – dann bleibt ihnen kaum eine Alternative, die Vermarktung den Profis zu überlassen.

Was das für die Preise und Endkunden bedeutet, sieht man u.a. bei Amanda Hocking.

Wir reden (hoffentlich) nicht über die wenigen, die durch kreative Werke “reich” werden, sondern über die Masse der Kreativen, für die dies ein zusätzliches oder ausschließliches Einkommen ist. Es geht darum, ob ich die Möglichkeit, Zeit für Kreativität zu haben, mit Kreativität erwirtschaften *darf* (wer es mangels Publikum nicht kann, ist eh raus), denn wer Brotjob, Familie UND Kreativität unter einen Hut bringen muss, ist ein Kandidat für Burn-Out bzw. stellt eben die kreative Tätigkeit irgendwann ein. Ich möchte aber MEHR neue Musiker, Autoren, Maler sehen, die in einem Alter sind, in dem sie Verantwortung für Familien haben und eben nicht flexibel von Toastbrot und unbezahlten Gigs “leben” können.

Wenn wir also die Maximalverwertung durch die Contentfirmen beschneiden wollen, dann brauchen wir auch ein Gegenkonzept. Und das Gegenkonzept ist eben der aktuell (noch) so uninteressante Longtail.

Hier bietet sich eine Chance für eben nicht auf Marketing spezialisierte Selbstdarsteller, sondern auch für handwerklich gute “Hobbyisten”, langfristig ihr Publikum zu finden und davon zu profitieren. Ich halte das für essentiell wichtig, denn die Verflachung bei der Qualität ist deutlich sichtbar, wenn wir z.B. die Musiker der 70er mit den aktuellen Vergleichen – und damals gab es eben noch die kleinen Club-Gigs, bei denen die Gema nicht zum unkalkulierbaren Risiko für alle Beteiligten wurde. Die neue Plattform sind aber eben nicht die Clubs, sondern die Online-Vermarktung.

Dass Kreative nicht mehr physisch anwesend sein müssen, um ihr Werk zu präsentieren und dass auch ein Maler nicht nur einmal das Bild, sondern viele Poster, Postkarten und Kalender anbieten kann, ist kein Bug, sondern ein Feature.

Der Hinweis auf “Lesungen”, “Live-Konzerte” (übrigens auch wieder weitgehend nur möglich und finanziell interessant mit Hilfe einer professionellen Vermarktungsmaschine und wenig sonstigen sozialen oder beruflichen Verpflichtungen), ist rückwärts statt vorwärts gewandt.

Was also soll genau mit den 10 Jahren erreicht werden? Eine Entkriminalisierung der Enduser? Die erreichen wir auch mit Fair Use und Privatkopie. Eine totale Marktfreigabe? Davon profitieren vor allem die Konzerne mit ihrer Infrastruktur, denn ICH werde sicher nicht teuerer auf obskuren Künstlerpages nach Werken suchen – zumal ggf. die Hardware zur Darstellung ein propriäteres Format verlangt, das eben nach 10 Jahren ausschließlich und günstig im Profi-Shop angeboten wird.

Freiheit für Remixes und Co? Ich halte die aktuellen Fristen da ebenfalls für zu lang und restriktiv, aber was hindert einen Kreativen ggf. einen Deal mit anderen Kreativen zu machen? Fragen hilft meist – und fast immer findet sich eine Lösung, die für beide interessant ist. Darüberhinaus ist die Almende groß, Probleme gibt es ausschließlich mit sehr neuen Werken und den aktuell völlig freidrehenden Interpretation von Zitatrechten.

Wenn wir mehr und langfristig aktive Kreative sehen wollen, dann ist eben genau nicht die Vermarktungsbeschränkung auf 10 Jahre eine Lösung, sondern vielmehr Möglichkeiten zur langfristigen Erarbeitung einer Reputation bei gleichzeitiger Reformierung der Nutzerrechte. Die Contentindustrie mit ihren auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Wegwerfprodukten und kurzen Marktzyklen ist das Problem, und mit einer 10-Jahres-Schutzfrist wird das Problem stärker statt schwächer.

cya,
Cae

Die Sache mit der Teilhabe

Ich nehme jetzt mal eine Twitterdiskussion zum Anlass, einige Überlegungen zur politischen Teilhabe aufzuschreiben*:

Ich glaube, ich habe schonmal zu diesem Thema gebloggt (Yup: Selbst schuld). Es geht darum, dass die Piratenpartei zwar einerseits lautstark verkündet, wie basisdemokratisch und revolutionär es doch ist, dass jedes Mitglied beim BPT selbst mitentscheiden und Anträge stellen kann – anderseits aber Augenklappen über beiden Augen trägt, wenn es darum geht, dass diese physische Anwesenheit dazu führt, dass die Mehrheit der Piraten selbst in der CDU besser repräsentiert wären: Da hätten sie zumindest die Hoffnung, dass ihr gewählter Delegierter ihre Interessen vertritt.

Bei den Piraten hat, wer nicht zum BPT kann, schlicht gar keine Stimme.

Es liegt nicht immer in der Freiheit eines Piraten, am Parteitag teilnehmen zu können. Inklusion geht anders.

Wenn im Liquid Feedback Delegationen als positive Machtakkumulation bei fähigen Vertretern betrachtet wird, warum wird dann gleichzeitig die Möglichkeit von Delegationen bei BPTs und LPTs kategorisch abgelehnt?

Meine Vermutung ist, dass bei “Delegationen” ausschließlich an das bekannte System der anderen Parteien gedacht wird. Denken wir doch mal anders:

(Reihenfolge ohne Wertung und erstmal auch ohne Rücksicht aufs Parteiengesetz: keine Ahnung, ob das evt. das Einhalten von Gebietsgliederungen oder gleich starke Delegierte verbindlich vorschreibt.)

– Quick n Dirty: “One Man, up to two Votes”
Jeder Pirat kann seine Stimme an einen anreisenden Piraten übertragen, sodass dieser mit 2 Stimmzetteln ausgestattet wird.
Vorteil: 2 Arme für 2 Stimmkarten (GO Antrag: 2 Arme oben, ohne Karten und der Schrei “GO-Antrag” – die Unterscheidung schaffen wir gerade noch).
Nachteil: Begrenzung auf 2 Stimmen, wenn Reisepirat krank wird, sind wieder beide Stimmen futsch
Sind solche Mischverfahren parteiengesetzkonform? Könnte man einen Landeswahlleiter davon überzeugen, dass es ermöglicht wird?
Technik: Nur die eindeutige Übertragung – ggf. per Briefpost mit Akkreditierungstoken

– Klassische Delegationen, aber nicht regional gebunden
D.h. Piraten tun sich zu Abstimmungsgruppen zusammen, die einen Vertreter entsenden.
Vorteil: Piraten sind nicht an Delegierte aus ihrer Region gebunden, wo sie evt. Minderheitenpositionen vertreten
Nachteil: Wer sich aktiv um Stimmweitergabe kümmert, würde ggf. auch selbst abstimmen wollen / können, wer Stimmen weitergibt darf selbst nicht mehr teilnehmen – bei einem reinen Delegiertensystem verlieren also ggf. Piraten direkten Einfluss
Tu_Bors Vorschlag scheint in diese Richtung zu gehen:
http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:TurBor/Antr%C3%A4ge/Delegiertensystem

– Dezentrale Parteitage mit Streams
Vorteil: Befragungen etc. finden weiter gemeinsam statt
Nachteile: Ausfallrisiko von Technik, Parteiengesetz ?, Orga/Raumsuche ist ebenfalls Dezentral, aber termingebunden
Physische Anwesenheit ist weiterhin erforderlich und schließt Kranke, Arbeitende, Pflegende, Verreiste etc. aus.

– Dezentrale Parteitage mit Streams und lokalen Wahllokalen
Spielen wir doch “Grand Prix Eurovision” und geben die Stimmen lokal ab, zählen lokal aus und geben die Zwischenergebnisse per Telefon weiter
Vorteil: müsste gehen, da bei Bundestagswahlen ähnlich verfahren wird. Ggf. mal bei Landes- und Bundeswahlleitern anfragen, was diese meinen
Nachteil: siehe oben, Synergie- und Netzwerkeffekte von zentralen Treffen entfallen

– Briefwahl / Urabstimmung
Vorteil: müsste rechtlich OK sein, alle Piraten können mit wenig Aufwand teilnehmen
Nachteil: für Vorstandswahlen brauchbar, bei Programmparteitagen eher umständlich, keine RL-Netzwerkeffekte, Antragsvorstellung & Befragung muss ausschließlich im Vorfeld über die Piratenmedien erfolgen
Allerdings könnte man natürliche eine zentrale Auszählparty machen.

Hier noch der Link zu Andi Popps Blogeintrag zum Thema (aus den Kommentaren zu “Selbst schuld”): https://andipopp.wordpress.com/2010/04/15/von-der-basis-ihrer-demokratie-und-der-vollversammlung-oder-jehova/

*Meine Blogeinträge ergänze ich ggf. auch ohne jede Veränderung zu markieren. Falls also zusätzliche Punkte auftauchen: Es ist jetzt spät und ich hab garantiert einige Varianten vergessen.

Aktivenfrust

Ich lese die Aktive sehr selten und wenn, dann über das Syncforum und die NRW-Liste mit der Hand fest an die Stirn gepresst. Warum? Es sind zu viele Piraten, die eine Mailingliste mit einer Partei verwechseln.

Gerade bei den gefrusteten Ex-Aktiven, die sich nun lautstark die strukturellen Schwächen beschweren oder sich direkt komplett ausklinken: Was habt ihr eigentlich für eine Erwartungshaltung? Dass sich diejenigen, die geradezu mantraartig Basisoriertierung predigen und jede Form von noch so flachen Hierarchien verteufeln ändern? Dass sich das Beharren auf Maximalforderungen einstellt, weil plötzlich Einsicht über die Liste kommt? Dass sich in einer Art von Big-Bang plötzlich Struktur aus dem Chaos ergibt und alle friedlich und konstruktiv zusammenarbeiten?

Wie wäre es mit einem Reality-Check?

Der beginnt schon damit, wie viel Zeit und Energie nicht theoretisch, sondern ganz praktisch und auf Dauer zur Verfügung steht. Außerhalb von Wahlkämpfen, wenn es wirklich ums Ranklotzen geht, ist das recht überschaubar – zumindest wenn man ein Sozialleben und andere Interessen neben der Parteiarbeit hat.

Worin besteht das Problem, ein kleines, überschaubares evt. lokales Projekt umzusetzen? Es muss nicht gleich ein zweitägiges Camp oder eine Vereinsgründung sein.

Wenn das Problem darin besteht, dass sich die passenden Leute über die Listen nicht mehr erreichen lassen: Die Aktiven sind im Gegensatz zu Newbies nicht isoliert, sondern haben durchaus noch ein paar “Lichtblicke” in ihrer Kontaktliste. Dann findet das Networking eben auf anderen Wegen statt.

Nun kommt sicher gleich wieder der Aufschrei: “Aber das ist ja intransparent / elitär / nicht basisdemokratisch / sonstwas”. So what? Tansparenz lässt sich dadurch erreichen, dass das Vorhandensein des Projekts bekannt ist und die Ergebnisse – und ggf. der Weg dorthin – veröffentlicht wird. Solange es nicht eine wichtige Funktion innerhalb der Partei (Pressestelle etc.) betrifft, kann es der Masse egal sein, ob fünf Leute irgendwo an einem orangefarbenen Dreirad schrauben oder nicht. Abgesehen davon: jede Crew kann Teilnehmer ablehnen, die ihr nicht passt – warum soll das dann ausgerechnet bei Arbeitsprojekten ein Problem sein? Wird alles wieder gut, wenn die Projektgruppen sich als Crews organisieren? Ja? Ist ja super …

Die Möglichkeit zum Mitmachen wird viel zu oft mit der Möglichkeit zum Mitmeckern verwechselt.

Allmählich habe ich den Verdacht, dass das auch ein Grund dafür ist, dass Projekte nicht bekannt sind und / oder das Rad ständig neu erfunden wird: In kleinen motivierten Gruppen lassen sich Ergebnisse leichter erzielen, als wenn noch 20 daneben stehen, die jeden Handgriff der Arbeitenden kommentieren und diese dazu zwingen, Zeit und Energie – und vor allem Nerven – statt in ihr Projekt in die Diskussionen mit der Peanut-Gallery zu stecken.

Ich hoffe sehr, dass sich durch eine Zusammenarbeit der Piraten IT mit der AG Basisarbeit eine halbwegs brauchbare Übersicht der aktuellen Aktivitäten und Projekte / Hilfsangebote und –suchen machen lässt. Aktuell ist selbst die „händische“ Lösung „Pirate/s Care” besser als ergebnislose Diskussionen.

Gerade bei der inhaltlichen Arbeit bietet es sich an, Themen in kleineren Gruppen zu erarbeiten und zu vertiefen, sowie die Argumente (pro und contra) genauer anzuschauen – und sich dann auszutauschen. Statt dass sich nun AGs, AKs oder einfach Arbeitsgruppen bilden, wird lieber die Tür zugeknallt und dort gearbeitet, wo es bereits funktionierende Strukturen zu diesem Thema gibt (NGOs, Vereine etc.). Preisfrage: Wo soll bei den Piraten – nach 2009 – eine solche Struktur herkommen, wenn die Interessierten sie sich nicht selbst schaffen? Und auch nochmal zur Erinnerung: Wir sind eine Partei, keine NGO. Beide haben ihre Existenzberechtigung und oft ist eine Zusammenarbeit sehr, sehr sinnvoll.

Dass derzeit die völlig offenen Piratenlisten gleichzeitig für die Information über Projekte und Stammtischdebatten genutzt werden sollen, ist natürlich eine Einladung zum unnötigen Frustaufbau.

Die Preisfrage ist allerdings, warum Piraten, die selbst Gesetze kritisch hinterfragen und z. T. auch dagegen verstoßen, ausgerechnet daran scheitern, ggf. eine Mailingliste / Forum für eine Arbeitsgruppe einzurichten.

Vielleicht ging es ja doch weniger um Inhalte, als darum, die Listendebatte “zu gewinnen”?

AG Basisarbeit

Wer hat da schon wieder den Kalender vorgestellt?

Der Januar ist schon vorbei, und von der ToDo-Liste sind noch nicht alle Januareinträge verschwunden. Tsk.

Noch recht neu ist die AG Basisarbeit http://wiki.piratenpartei.de/AG_Basisarbeit , mit der die “Alltagsprobleme” der Piraten vor Ort angegangen werden sollen.

Für alle Interessierten oder Neugierigen: Das nächste Treffen ist am Di, um 20 Uhr im NRW-Mumble. (Der Raum ist unter “Öffentlichkeitsarbeit”.)

Am letzten Wochenende wurde ich als Beisitzerin in den örtlichen Piraten-Vorstand gewählt.

Und noch ein wenig Werbung: Sven Sladek organisiert für das erste Aprilwochenende ein Barcamp zum Thema “Soziales”.
Ort und Unterbringung und Verpflegung: Jugendherberge Soest. Unterbringung ist auch in einem Konferenzhotel (10 min Fußweg) möglich – das Mittagessen ist auch “solo” bestellbar.

http://wiki.piratenpartei.de/Crew:AK/Arbeit_und_Soziales_NRW/Sozicamp

(Sollten die Links nicht funktionieren: Es ist nicht völlig auszuschließen, dass das Wiki kurzzeitig offline ist.)

Selbst schuld

Ich bewundere Leute, die ihren Adrenalinspiegel im Griff haben. (Nein, eigentlich bewundere ich diese Langweiler nicht, aber bisweilen wäre Adrenalinkontrolle schon eine praktische Fähigkeit. Nennen wir es also Neid: Ich beneide die Leute, die sich nicht wirklich aufregen, nicht auf die Palme gehen. Manchmal, jedenfalls.)

Einer der Sprüche, den ich in Piratendiskussionen hasse wie die Pest, ist das meist mit arrogant-selbstsicher konstatierte: “Selbst schuld”.

In einer Partei, in der die Mehrheit der Mitglieder für eine faire Grundsicherung aller Bürger, für Basisdemokratie oder zumindest Demokratie mit maßgeblichem Einfluss der Basis eintritt, wird in Diskussionen dennoch gern zu diesem kleinen Totschläger gegriffen: “Selbst schuld”.

“Selbst schuld” sind z. B. Parteimitglieder, die keinerlei Einfluss auf die Parteipolitik nehmen können, weil sie nicht an Parteitagen teilnehmen können:

“Wenn es demjenigen wichtig wäre, könnte er ja Urlaub nehmen.” “Wer glaubt nicht auf dem Boden im Partyraum pennen zu können, wo bis halb fünf die Musik dröhnt: selbst schuld”. “Kein Babysitter? Aber sowas lässt sich doch organisieren.”

Ausgehend von der eigenen Lage wird das Urteil über die Situation anderer gesprochen. Details wie Dialyse, Alleinerzieher, Alleinverdiener, Schichtarbeit, HartzIV – alles wird mit dem selbstbewussten Urteil abgehandelt: Selbst schuld.

Um den Rant kürzer zu machen: Es kotzt mich an.

Wieder und wieder wird darauf hingewiesen, dass schon heute für die Teilnahme an BPT, LPT ein massiver Zeit-, Geld- und Planungsaufwand notwendig ist. Da sind noch keine AG-Treffen, Konferenzen, KV-Treffen und Stammtische mit drin.

(In HartzIV ist nicht die Anfahrt und Teilnahme an Stammtischen in Lokalen vorgesehen. Aber natürlich können Hartz-IV-Piraten kostenlos auf die Getränke oder Snacks der anderen schauen – es ist ja nicht verboten, nichts zu konsumieren. Die anderen Parteitermine: Tja – dann ist es wohl nicht möglich, dass alle immer teilnehmen. Aber das ist doch normal: Alle fahren doch ohnehin nie zu solchen Treffen. Da fällt es doch nicht auf, dass bestimmte Gruppen komplett ausfallen.)

Nun läuft die Debatte, den BPT künftig auf 3 Tage zu erweitern. Ganz großes Kino. Vor allem, wenn er am anderen Ende der Republik stattfindet. “Natürlich” wird am Freitag “nichts Wichtiges” beschlossen. Die Versammlungsleitung vielleicht. Aber das haben wir ja in Chemnitz gesehen, dass es da keinerlei Meinungsverschiedenheiten gibt.

Liebe Mitpiraten – wie groß sind eigentlich die Taschen, in die Euch reinlügt? *Das* ist keine Basisdemokratie. Das ist die Herrschaft der Zeit- und / oder Geldelite.

Es ist mir scheißegal, wie “unwichtig” die “Orgasachen” sind, die ihr Freitag erledigen wollt. Alles, was über reine Akkredition hinausgeht, ist schlicht ein Schlag ins Gesicht der weniger begünstigten Basispiraten.