Aktivenfrust

Ich lese die Aktive sehr selten und wenn, dann über das Syncforum und die NRW-Liste mit der Hand fest an die Stirn gepresst. Warum? Es sind zu viele Piraten, die eine Mailingliste mit einer Partei verwechseln.

Gerade bei den gefrusteten Ex-Aktiven, die sich nun lautstark die strukturellen Schwächen beschweren oder sich direkt komplett ausklinken: Was habt ihr eigentlich für eine Erwartungshaltung? Dass sich diejenigen, die geradezu mantraartig Basisoriertierung predigen und jede Form von noch so flachen Hierarchien verteufeln ändern? Dass sich das Beharren auf Maximalforderungen einstellt, weil plötzlich Einsicht über die Liste kommt? Dass sich in einer Art von Big-Bang plötzlich Struktur aus dem Chaos ergibt und alle friedlich und konstruktiv zusammenarbeiten?

Wie wäre es mit einem Reality-Check?

Der beginnt schon damit, wie viel Zeit und Energie nicht theoretisch, sondern ganz praktisch und auf Dauer zur Verfügung steht. Außerhalb von Wahlkämpfen, wenn es wirklich ums Ranklotzen geht, ist das recht überschaubar – zumindest wenn man ein Sozialleben und andere Interessen neben der Parteiarbeit hat.

Worin besteht das Problem, ein kleines, überschaubares evt. lokales Projekt umzusetzen? Es muss nicht gleich ein zweitägiges Camp oder eine Vereinsgründung sein.

Wenn das Problem darin besteht, dass sich die passenden Leute über die Listen nicht mehr erreichen lassen: Die Aktiven sind im Gegensatz zu Newbies nicht isoliert, sondern haben durchaus noch ein paar “Lichtblicke” in ihrer Kontaktliste. Dann findet das Networking eben auf anderen Wegen statt.

Nun kommt sicher gleich wieder der Aufschrei: “Aber das ist ja intransparent / elitär / nicht basisdemokratisch / sonstwas”. So what? Tansparenz lässt sich dadurch erreichen, dass das Vorhandensein des Projekts bekannt ist und die Ergebnisse – und ggf. der Weg dorthin – veröffentlicht wird. Solange es nicht eine wichtige Funktion innerhalb der Partei (Pressestelle etc.) betrifft, kann es der Masse egal sein, ob fünf Leute irgendwo an einem orangefarbenen Dreirad schrauben oder nicht. Abgesehen davon: jede Crew kann Teilnehmer ablehnen, die ihr nicht passt – warum soll das dann ausgerechnet bei Arbeitsprojekten ein Problem sein? Wird alles wieder gut, wenn die Projektgruppen sich als Crews organisieren? Ja? Ist ja super …

Die Möglichkeit zum Mitmachen wird viel zu oft mit der Möglichkeit zum Mitmeckern verwechselt.

Allmählich habe ich den Verdacht, dass das auch ein Grund dafür ist, dass Projekte nicht bekannt sind und / oder das Rad ständig neu erfunden wird: In kleinen motivierten Gruppen lassen sich Ergebnisse leichter erzielen, als wenn noch 20 daneben stehen, die jeden Handgriff der Arbeitenden kommentieren und diese dazu zwingen, Zeit und Energie – und vor allem Nerven – statt in ihr Projekt in die Diskussionen mit der Peanut-Gallery zu stecken.

Ich hoffe sehr, dass sich durch eine Zusammenarbeit der Piraten IT mit der AG Basisarbeit eine halbwegs brauchbare Übersicht der aktuellen Aktivitäten und Projekte / Hilfsangebote und –suchen machen lässt. Aktuell ist selbst die „händische“ Lösung „Pirate/s Care” besser als ergebnislose Diskussionen.

Gerade bei der inhaltlichen Arbeit bietet es sich an, Themen in kleineren Gruppen zu erarbeiten und zu vertiefen, sowie die Argumente (pro und contra) genauer anzuschauen – und sich dann auszutauschen. Statt dass sich nun AGs, AKs oder einfach Arbeitsgruppen bilden, wird lieber die Tür zugeknallt und dort gearbeitet, wo es bereits funktionierende Strukturen zu diesem Thema gibt (NGOs, Vereine etc.). Preisfrage: Wo soll bei den Piraten – nach 2009 – eine solche Struktur herkommen, wenn die Interessierten sie sich nicht selbst schaffen? Und auch nochmal zur Erinnerung: Wir sind eine Partei, keine NGO. Beide haben ihre Existenzberechtigung und oft ist eine Zusammenarbeit sehr, sehr sinnvoll.

Dass derzeit die völlig offenen Piratenlisten gleichzeitig für die Information über Projekte und Stammtischdebatten genutzt werden sollen, ist natürlich eine Einladung zum unnötigen Frustaufbau.

Die Preisfrage ist allerdings, warum Piraten, die selbst Gesetze kritisch hinterfragen und z. T. auch dagegen verstoßen, ausgerechnet daran scheitern, ggf. eine Mailingliste / Forum für eine Arbeitsgruppe einzurichten.

Vielleicht ging es ja doch weniger um Inhalte, als darum, die Listendebatte “zu gewinnen”?

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One thought on “Aktivenfrust

  1. Als Außenstehender, der nur ab und an sein Kreuzchen bei den Piraten macht, habe ich das Gefühl, das sich die Partei mehr und mehr in Streitigkeiten verliert und dabei am meisten noch der Linken nacheifert. Und wohin die gerade steuern, kann man ja wunderbar beobachten. Soweit mal eine Außensicht.

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