Selbst schuld

Ich bewundere Leute, die ihren Adrenalinspiegel im Griff haben. (Nein, eigentlich bewundere ich diese Langweiler nicht, aber bisweilen wäre Adrenalinkontrolle schon eine praktische Fähigkeit. Nennen wir es also Neid: Ich beneide die Leute, die sich nicht wirklich aufregen, nicht auf die Palme gehen. Manchmal, jedenfalls.)

Einer der Sprüche, den ich in Piratendiskussionen hasse wie die Pest, ist das meist mit arrogant-selbstsicher konstatierte: “Selbst schuld”.

In einer Partei, in der die Mehrheit der Mitglieder für eine faire Grundsicherung aller Bürger, für Basisdemokratie oder zumindest Demokratie mit maßgeblichem Einfluss der Basis eintritt, wird in Diskussionen dennoch gern zu diesem kleinen Totschläger gegriffen: “Selbst schuld”.

“Selbst schuld” sind z. B. Parteimitglieder, die keinerlei Einfluss auf die Parteipolitik nehmen können, weil sie nicht an Parteitagen teilnehmen können:

“Wenn es demjenigen wichtig wäre, könnte er ja Urlaub nehmen.” “Wer glaubt nicht auf dem Boden im Partyraum pennen zu können, wo bis halb fünf die Musik dröhnt: selbst schuld”. “Kein Babysitter? Aber sowas lässt sich doch organisieren.”

Ausgehend von der eigenen Lage wird das Urteil über die Situation anderer gesprochen. Details wie Dialyse, Alleinerzieher, Alleinverdiener, Schichtarbeit, HartzIV – alles wird mit dem selbstbewussten Urteil abgehandelt: Selbst schuld.

Um den Rant kürzer zu machen: Es kotzt mich an.

Wieder und wieder wird darauf hingewiesen, dass schon heute für die Teilnahme an BPT, LPT ein massiver Zeit-, Geld- und Planungsaufwand notwendig ist. Da sind noch keine AG-Treffen, Konferenzen, KV-Treffen und Stammtische mit drin.

(In HartzIV ist nicht die Anfahrt und Teilnahme an Stammtischen in Lokalen vorgesehen. Aber natürlich können Hartz-IV-Piraten kostenlos auf die Getränke oder Snacks der anderen schauen – es ist ja nicht verboten, nichts zu konsumieren. Die anderen Parteitermine: Tja – dann ist es wohl nicht möglich, dass alle immer teilnehmen. Aber das ist doch normal: Alle fahren doch ohnehin nie zu solchen Treffen. Da fällt es doch nicht auf, dass bestimmte Gruppen komplett ausfallen.)

Nun läuft die Debatte, den BPT künftig auf 3 Tage zu erweitern. Ganz großes Kino. Vor allem, wenn er am anderen Ende der Republik stattfindet. “Natürlich” wird am Freitag “nichts Wichtiges” beschlossen. Die Versammlungsleitung vielleicht. Aber das haben wir ja in Chemnitz gesehen, dass es da keinerlei Meinungsverschiedenheiten gibt.

Liebe Mitpiraten – wie groß sind eigentlich die Taschen, in die Euch reinlügt? *Das* ist keine Basisdemokratie. Das ist die Herrschaft der Zeit- und / oder Geldelite.

Es ist mir scheißegal, wie “unwichtig” die “Orgasachen” sind, die ihr Freitag erledigen wollt. Alles, was über reine Akkredition hinausgeht, ist schlicht ein Schlag ins Gesicht der weniger begünstigten Basispiraten.

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14 thoughts on “Selbst schuld

    1. Nene … unsere Jura-Piraten schwören mir seit Monaten Stein und Bein, dass Delegationen bei RL-Parteitagen nicht dem Parteiengesetz entsprechen.

    2. Ich kann’s mir doch nicht verkneifen 🙂

      Ich bin auch gespannt, wann die Piraten wenigstens lernen, wie man Delegierte und delegieren auch nur schreibt :)))

  1. Da kann ich nur voll und ganz zustimmen. Am BPT10.1 konnte ich dank dem Camp noch teilnehmen, Chemnitz musste ich mangels erschwinglicher Schlafmöglichkeiten ausfallen lassen. Fände es gut, wenn gerade solche Dinge wie Unterkunft und Anfahrt (Chemnitz liegt nun nicht unbedingt zentral…) in Zukunft mehr Berücksichtigung fänden. Für einen Parteitag mal eben 200€ inkl. Anfahrt, Unterkunft und Verpflegung rauszuhauen, kann ich mir einfach nicht leisten. Kann man da nicht im Vorfeld mal bei Schulen o.ä. nachfragen, ob man die Turnhalle übers Wochenende bekommt?

  2. Da freut es mich, dass es gerade im LF auch um die Möglichkeit geht, trotz mangelnder Möglichkeit zum „selber Mitmachen“ beim Parteitag, seine Stimme im eigenen Sinne einzubringen, nämlich per Delegation (und damit meine ich _nicht_ die sog. „Delegiertenkonferenz“). Der dezentrale Parteitag wäre auch eine Lösung dieses speziellen Dilemmas. Aber natürlich, das löst nicht das zugrunde liegende Problem …

    Dieses „Argument“ ist mir auch schon an anderer Stelle begegnet. Deine Daten sind öffentlich sichtbar? – Selbst Schuld! – Du lässt Dich beim Filesharing erwischen? – Selbst Schuld! – Du bist Pirat geworden? – Selbst Schuld! Ist wirklich traurig. Ist doch egal wer, wie oder ob überhaupt jemand Schuld trägt: Das wichtige ist, eine Lösung zu finden. Mit dem Totschläger „Selbst Schuld“ ist das nicht zu machen.

  3. hallo caevye.

    danke für deinen post, er hat mich etwas sensibilisiert. du beziehst dich ja unter anderem auf mich, also werd ich hier mal kurz antworten.

    ich gebe dir absolut recht, dass ein parteitag möglichst barrierearm(-frei geht naturgemäß nicht) sein muss um zumindest sowas ähnliches wie basisdemokratie zu ermöglichen (auch diese kann es niemals in reinform geben, und haben wir noch nichtmal ansatzweise verwirklicht).

    es gibt da viele verbesserungsmöglichkeiten, zb kinderbetreuung per default, dazu habe ich hier ja auch eine lqfb-initiative gestartet, die man gerne unterstützen kann: https://lqfb.piratenpartei.de/pp/initiative/show/1292.html

    ich wäre auch dafür dass jeder unkompliziert seine stimme an einen anderen delegieren kann, man muss dabei aber aufpassen dass es nicht zu einer aufweichung der basisdemokratie kommt. auch hierfür gibt es initiativen auf die ben schon hingewiesen hat.

    man sollte sich zb in zukunft auch überlegen wie piraten mit wenig geld (zb hartzIV-empfänger oder schüler) einfacher teilnehmen können. ideen die mir kommen wären zb ein reisekostenfonds, gratisessen, und standardmäßige aufnahme des kriteriuems von kostenlosen übernachtungsmöglichkeiten (kein luxus, aber dusche und nachtruhe) in die planung.

    ich stehe aber nach wie vor hinter meinem vorschlag, den bpt bereits am freitag zu beginnen. die tagesordnung und die wahl des versammlungsleiters könnte man ja dann auch am samstag machen. es war ja nur ein vorschlag, bin da ganz offen für anregungen.

    wenn wir sowohl möglichst basisdemokratisch als auch politisch handlungsfähig sein wollen, müssen wir nunmal kompromisse machen, die problematik besteht ja bereits jetzt massiv. ich denke wir piraten müssen da einen weg finden der zu uns passt. ich denke nicht dass es konsens ist das so zu machen wie andere parteien mit ihren rigiden delegiertensystemen, die ja auch massiv benachteiligen und ja auch nur ein kompromiss sind. denkbar wären aber zb urabstimmungen und stärkere betonung dezentraler vorbereitsungstreffen.

    einfach nur zu sagen “es soll so bleiben wie es ist”, ist mir zuwenig.

    ich bin gespannt auf deine ideen!
    grüße, korbinian

    1. Galt nicht nur dir (den 2. Teil des Rants hab ich mir erstmal verkniffen).

      Aber du hast in deiner Antwort direkt noch einen Punkt erwischt, der mich auf die Palme bringt:

      Du schreibst: ” piraten mit wenig geld (zb hartzIV-empfänger oder schüler)”

      Menschen mit wenig Geld sind schon lange nicht mehr nur HartzIV-Empfänger oder Jugendliche. Es sind Selbständige (die erschreckend oft schon Probleme haben, die weit wichtigere Krankenversicherung zu bezahlen), es sind Familien mit “nur” einem Erwerbseinkommen, es sind Arbeiter in Kurzarbeit und viele andere Gruppen mehr.

      Auch diese ewige Gleichsetzung von Geringverdienern mit “HartzIV und Kindern” ist eine Form von Diskreditierung.

      1. das is mir vollkommen klar, glaub mir. ich stecke ja selbst in dieser situation. mich als geldelite zu bezeichnen amüsiert mich ein wenig, ich verdiene durchschnittlich 800€ im monat 🙂

  4. Offensichtlich hat der Ersteller der Initiative 3 Tage Parteitag sich wohl noch nicht wirklich einen Kopf darüber gemacht das es Menschen gibt die Freitags durchaus bis 16 Uhr arbeiten müssen oder noch dämliche Spätschicht haben.
    Die Parteitagsinfrastruktur baut sich auch nicht in 2-3 Stunden auf und der 3 Tagesvorschlag lässt die anfallende Arbeit weitesgehend in den Händen der wenigen vor Ort Piraten, Entlastung von auswärtigen hilfsbereiten piraten kaum möglich.
    Vile Locations für einen BPT kann man nicht unbedingt auch schon Freitags früh morgens betreten, ich gehe mal davon aus das die Chemnitzer Mensa Freitag Mittag noch ihrer eigentlichen Funktion gerecht wurde.
    Ein Parteitag passt auch in 2 Tage wenn man die Zeit für Besäufnisse und Partys erheblich zusammenstreicht denn parteitage sind primär dazu gedcagt zu arbeiten und nicht um Partys zu machen.
    Für Menschen die nicht genügend Geld haben muß man bei zukünftigen Ausschreibungen auch kostenlose Schlafplätze mit reinnehmen als auch andere Subventionsmöglichkeiten mit einbeziehen(Gratis essen, Reisekostenzuschuß, Subventionierte Sammelbusfahrt etc)

    Wer ernsthaft einen 3 Tage Parteitag fordert will offensichtlich nur noch eine bestimmte Gruppe Menschen dort sehen, die Schichtarbeiter,die Alleinerziehenden,die Schüler und Auszubildenden und andere Menschen mit Verpflichtungen ausserhalb der Partei werden damit definitiv ausgesperrt.

    Daher meine gegeninitiative und erwarte das sich dort noch mehr Unterstützer einfinden.

    LQFB link: https://lqfb.piratenpartei.de/pp/initiative/show/1334.html

    1. So sehr ich den Grundgedanken hinter dem Alternativantrag verstehe, es weist aber auch erhebliche Probleme auf (die sich interessanterweise zum Teil mit den Problemen eines 3-Tage-Parteitags decken):

      – 12 Stunden Parteitag ist schlicht zu lang. Die Konzentration, und entsprechend die Möglichkeit, ausgewogene und sinnvolle Entscheidungen zu treffen, lässt bei den meisten stark nach, zudem sollte dann neben Mittags- auch ein Abendessen eingeplant sein, was einen Teil der Zeit wieder auffrisst.

      – Schon 18 Uhr am Sonntag ist Schmerzgrenze für viele, die einen weiten Anreiseweg haben und am Montag arbeiten müssen (besonders wenn aus Kostengründen z.B. Schönes-Wochenende-Tickets benutzt werden). Wir konnten ja bei jedem PT beobachten, dass die Beteiligung im Laufe des Sonntags stetig abnimmt.

      – Auch ein früherer Anfang ist fragwürdig, da so diejenigen Probleme bekommen, die aus Zeit- oder Geldgründen erst Samstag früh eintreffen.

      Ich persönlich würde den in der Ini vorgeschlagenen Zeitplan ja befürworten, sehe aber dass es keine Probleme löst.

      Grüße,
      Boris

  5. Ahoi,
    Andi Popp hat schon vor Ewigkeiten das Problem angesprochen und sich auch Gedanken über mögliche Lösungen gemacht: http://andipopp.wordpress.com/2010/04/15/von-der-basis-ihrer-demokratie-und-der-vollversammlung-oder-jehova/ – ich glaube, du wirst den Blogpost interessant finden^^

    Ich mache mir ja Gedanken über ein Direktdelegiertensystem, das ist aber von der Gesetzeslage, Umsetzung und auch von der Akzeptanz in der Partei her sehr problematisch: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:TurBor/Antr%C3%A4ge/Delegiertensystem.

    Grüße,
    Boris

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