Piratenpartei: “Under Construction”

Ich kann es selbst kaum glauben, dass es soweit kommen konnte, aber ich vermisse die knallbunten Baustellen-gifs, die als unvermeidbare Mahner der Unvollkommenheit und der Entstehensprozesse das WWW verschandelten.

Natürlich vermisse ich sie nicht überall, aber im Kontext der Piratenpartei wären sie als Hinweis auf gerade Entstehendes eine willkommene Erinnerungsstütze.

Natürlich ist meine Sichtweise auf die Piraten von meinem Umfeld geprägt: das ist der Landesverband Nordrhein-Westfalen. Der Landesverband also, der sich praktisch während des gesamten großartigen und überwältigenden Wachstumsbooms im Wahlkampf befand. Es wäre hirnrissig anzunehmen, diese Dauerwahlkämpfe hätten keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Beteiligten – und zwar recht unabhängig vom Grad der individuellen Aktivität.

Die meist kurze Politikerfahrung beschränkt sich daher oft auf die Organisation von Wahlkampfaktivitäten und -materialien, auf kurzfristige eindrucksvolle Aktionen, sei es nun vor Ort oder bundesweit.

Aktuell ist zu spüren, dass dieser Druck endlich nachgelassen hat. Damit ist aber auch die Ursache für die selbstverständliche Gruppendynamik und zumindest zielorientierte Disziplin verschwunden.

Ein wenig erinnert die aktuelle Katerstimmung an junge Paare, bei denen die erste Verliebtheit allmählich dem Alltag Platz macht, und im Rückblick sogar die großartigen Tage der Verliebtheit überkritisch hinterfragt werden.

Tatsächlich hat sich das Setting geändert: Viele der Probleme im Wahlkampf waren selbsterklärend und auch mit einem klaren Ziel verknüpft. Beides eine gute Voraussetzung für ein angemessen euphorisches Glücksgefühl, nach erfolgreicher Bewältigung der oft anstrengenden und arbeitsreichen Aufgaben.

Im Wahlkampf war man beflügelt, doch nun ist “Leichtigkeit” kein Stichwort mehr, das man spontan mit Politik verbinden möchte. Tatsächlich scheint es so manchem Aktiven erst allmählich klar zu werden, dass die Piratenpartei tatsächlich eine Partei ist: zwar nicht genau wie die anderen Parteien, aber den gleichen Bundes- und Landesgesetzen unterworfen und ein Spieler in einem Politikbetrieb, den man sich eben nicht von Grund auf neu und nach eigenen Ideen einrichten kann. Die langfriste Platzierung in politischen Debatten und Einzug in (Stadt)Parlamente erfordert eine vertiefte Beschäftigung und Teilnahme an den bestehenden Strukturen – und diese sind eben nicht per se attraktiv oder sonderlich änderungswillig.

Dennoch scheint ein nicht gerade kleiner Teil der Ernüchterung gar nicht von außen zu kommen, sondern von den massiven internen Strukturschwierigkeiten wenn nicht direkt ausgelöst, dann doch unterstützt zu sein.

Vieles, was mit einer überschaubaren Zahl an aktiven Parteimitgliedern noch praktisch und innovativ schien, stellt sich zunehmend als organisatorischer Moloch heraus, in dem Informationen kaum oder gar nicht mehr zu finden sind.

Kein Zweifel: Es gibt eine große Anzahl von Piraten, die ernsthaft und mit großem Einsatz an der Zukunft der Partei arbeiten. Was aber dringend fehlt, ist eine entspanntere, pragmatischere Herangehensweise.

Eine Herangehensweise, die nicht auf Perfektionismus ausgelegt ist, und deren Struktur nicht das Burn-Out gerade der aktivsten Mitglieder billigend in Kauf nimmt.

Wenn die Piraten eine “Mitmachpartei” sein wollen, dann muss dieses “Mitmachen” auch lebbar sein.

Aktivität – zumal als Ehrenamt – muss vereinbar sein mit Familienleben mit Freizeitaktivitäten jenseits von Politik, mit individueller Zeitplanung und vor allem mit einer guten Lebensqualität.

Selbstaufopferung mag heroisch wirken, ist aber kein langfristiges Konzept – zumal nicht, wenn es um faire Zusammenarbeit geht. Aus der Transparenz der Piraten ist aktuell ein Informationssystem geworden, das zwingend Expertenwissen voraussetzt: Welche Themen existieren, wo werden sie behandelt, welche existierenden Daten sind nur noch Datenleichen, welche Stichworte und Personen sind mit dem Thema verbunden und wie werden die entsprechenden Werkzeuge benutzt?

Die aktuelle Organisation von “transparenten” Daten ist elitär und intransparent. Eine von vielen Hemmschwellen, die das Stichwort “Mitmachpartei” aktuell zur Phrase verkommen lassen.

Tatsächlich ist die Partei noch immer jung. Sie befindet sich im Wachstum und was gern unterschätzt wird: sie lernt.

Lernprozesse sind selten schön. Wer Skateboard fahren lernt, wird hinfallen, wer ein Instrument lernt, wird furchtbare Töne produzieren – und das nicht nur kurzfristig. “Cool aussehen” und “Lernen” geht nicht zusammen.

Die vielzitierte Medienkompetenz umfasst auch die Erkenntnis, dass dem attraktiven Endprodukt hässliche, abschreckende und frustrierende Entwürfe und Fehlversuche vorangehen.

Die Partei lernt – aber sie ist noch nicht bereit, den Lernprozess als solchen anzunehmen und entspannt voranzutreiben.

Ich wünsche mir die Baustellenschilder zurück. Damit wir mit unseren Schwächen und Fehlversuchen und all den unbearbeiteten Themenfeldern offensiv und zugleich entspannter umgehen können.

Advertisements

2 thoughts on “Piratenpartei: “Under Construction”

  1. Man merkt, dass die Piraten eine junge Partei sind. Sturm und Drang, Jung und unbekümmert – und entsprechend mit sehr kleinem Geduldsfaden.

    Wir alle müssen mehr Geduld lernen, und die aktiven und Hyperaktiven ((c) by Benjamin Stöcker) müssen auch lernen, sich Urlaub von ihrer ehrenvoller und ehrenamtlicher Arbeit nehmen, bevor sie dem Burnout zum Opfer fallen.

    Mehr Gelassenheit!
    Aleks

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s