Und wieder grüßt die Genderdebatte

Allmählich verstärkt sich der Eindruck, dass die Debatte nicht nur zum schnellen Klick-Generieren (Genderdebatte bei Piraten = automatische Steigerung der Zugriffszahlen auf die entsprechende Website) verwendet wird, sondern auch weil das endlich mal wieder ein Thema ist, bei dem Alle, aber auch wirklich Alle mitreden können:

Irgendwie ist man ja betroffen, daher muss man sich auch nicht wirklich ins Thema einarbeiten, jeder hat eine Meinung dazu, also kann man auch endlich mal was sagen und öffentlich wichtig sein.

Tatsächlich wurden seit September 09 (als ich diesen Blogeintrag schrieb: https://caevye.wordpress.com/2009/09/05/die-madchen-in-der-jungenecke-%E2%80%93-frauen-und-die-piratenpartei/) überproportional viele Frauen in Landesvorstände gewählt.

Das Gender/Frauenproblem der Piraten lässt sich damit begründen, dass dem Schlagwort “Postgender” nach wie vor wenig Inhalte folgten, um die Idee auch weniger am Thema Interessierten plausibel, und vor allem auch als Position haltbar zu machen.

Die positive Beschreibung von Positionen fehlt bekanntermaßen nicht nur an dieser Stelle. Insofern erfährt das Thema zu Zeit eine überproportionale Aufmerksamkeit, die vielen Parteimitgliedern (Männern und Frauen) auf den Wecker geht.

Zur Ausforumlierung von positiven Definitionen von Freiheitsrechten, -ansprüchen und auch den zugrundeliegenden Werten braucht es aber auch Zeit. Gerade die Grünen sollten sich daran erinnern, dass demokratische Prozesse Zeit brauchen und nicht immer schön anzusehen sind.

Die Piratenpartei ist nicht nur dabei, die Übertragbarkeit ihrer Kernthemen aus ihrer ursprünglichen Nische Internet auf die moderne Gesellschaft als Ganzes herauszuarbeiten (Transparenz, Bürgerrechte, Interessensausgleich, Demokratie etc.) – es gilt auch mehr Bürger über die Existenz und die Inhalte der Partei zu informieren.

Die Absenkung von Zugangsschwellen (“Mitmachpartei” beschränkt sich aktuell weitgehend auf internetaffine Personen oder Orte mit vorhandenen Stammtischen), die Einbindung von Senioren, Alleinerziehenden, jungen Familien etc. ins Alltagsgeschäft, die verständliche Darstellung von komplexen Themen wie ACTA, JMStV, Pläne der EU-Kommission – all dies sind Themen, die auch die weiblichen Parteimitglieder beschäftigen, die sich im Gegenzug eben nicht eine Genderdebatte aufdrängen lassen wollen, deren Grundthese (“Männer und Frauen sind grundsätzlich verschieden, wobei Frauen systematisch benachteiligt sind”) sie in dieser Simplizität nicht unbedingt teilen.

Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass die Frauen in der Partei die Benachteiligung von Frauen nicht sehen oder gar leugnen wollen – vielmehr lässt sich mit einer veränderten Fragestellung (“Wie erreichen wir eine größtmögliche Fairnis gegenüber jedem Individuum”) die in der Genderfrage polarisierte Problematik in einem weit grundsätzlicheren Gesamtkontext angehen.

Die Kritik, dass im Bundesvorstand der Piraten keine Frau ist, greift daher zu kurz. Für diese Posten stellte sich im Vorfeld nunmal keine Kandidatin zur Wahl. Allein eine Spontankandidatur für den 2. Vorsitz kam in letzter Minute hinzu.

Ein vielleicht nicht unwichtiger Aspekt: Im Gegensatz zu anderen Parteien ist der Vorstandsposten der Piratenpartei kein Machtinstrument – und soll es auch nicht werden. Der Frauenanteil in der Partei ist überschaubar, und in den Ländern findet der Großteil der aktuell brennenden grundsätzlichen inhaltlichen Arbeit statt.

Hinzu kommt, dass der Vorstandsposten einen enormen Zeitaufwand mit sich bringt, und sich das – zumal als ehrenamtliche Arbeit – sowohl bei Frauen als auch bei Männern nicht immer mit den Lebensentwürfen und Lebensumständen vereinbaren lässt.

Angesichts der Wiederwahl von Jens Seipenbusch kann außerdem vermutet werden, dass die Mehrheit der Parteimitglieder einen eher integrierend-besonnenen Vorstand wünschen und (hier spielt wohl auch die Erfahrung mit Aaron König hinein) lautstarke PR und vorschnelle Positionierungen möglichst vermieden werden sollen.

Die einzige weibliche Kandidatin Lena Simon – de facto die Personifizierung der Genderdebatte – hat mit ihrer angeblichen Spontankandidatur fünf Minuten vor der Wahl tatsächlich erst einmal alle Vorurteile sie betreffend bestätigt: Sie hält sich nicht an Regeln (angesicht ihrer bisherigen Aktivitäten halte ich sie durchaus für machtbewusst und selbstdarstellerisch mit einem Hang zur medialen Inszenierung. Ich unterstelle ihr daher, dass sie durchaus im Vorfeld über eine Kandidatur nachgedacht, und sich bewusst gegen eine Vorstellung auf der Kandidatenliste entschieden hat).

Ein erklärtes Ziel ist, ihre Idee von Frauenpolitik zu pushen (“ich kandidiere, weil keine Frau kandidiert”, was man der Liste durchaus im Vorfeld des BPTs entnehmen konnte). Sie erklärte, dass sie als “Gegenpart zu Jens Seipenbusch” in den Vorstand will – also nicht integrierend, sondern polarisierend arbeiten möchte.

Ich bin daher erleichtert, dass keine Quote die Piraten zur Wahl von Lena in ein potentiell publicityträchtiges Amt zwingen könnnte.

Schon jetzt ist wieder der gleiche Effekt wie nach ihren letzten Auftritten zu beobachten: der Name Lena Simon ist in die Presse, die Anliegen der Frauen und die Partei als Ganzes bringt die Debatte aber keinen Meter voran. Lena Simon als Vorstandsmitglied in Talkshows bedeutete die reale Gefahr, dass in der Öffentlichkeit zu Themen (ich meine hier nicht unbedingt die Genderdebatte) pointiert Stellung bezogen wird, zu denen die Parteibasis noch gar keine klare Position gefunden hat.

Genau dieser Art von vorbreschenden lauten Politikern hat die Mehrheit der Piraten aber  den Kampf angesagt.

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4 thoughts on “Und wieder grüßt die Genderdebatte

  1. Ich bezweifle dass bei den Piraten großartig diskriminiert wird. Vielmehr ist das Problem, dass in der IT generell zu wenige Frauen gibt. Ich hoffe in der Zukunft wird man zunehmend davon Abrücken Gleichstellung mit Frauenpolitik gleich zu setzen. Heutzutage werden die Frauen deutlich mehr gefördert als Männer. Ich habe zumindest noch nie etwas von einem Männerbeauftragten in einem Unternehmen gehört… Vielmehr muss man alle gesellschaftlichen Gruppen in Einklang bringen. Wenn man sich nur auf die Frauen beschränkt, dann greift die Gleichstellung zu kurz.

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