Die Mädchen in der Jungenecke – Frauen und die Piratenpartei

Die Mädchen in der Jungenecke

Er hat sich schon fast als Floskel etabliert, der Hinweis, dass die Piratenpartei eine Partei junger Männer um die 20 ist. Tatsächlich ist der Frauenanteil in der Partei recht überschaubar, was aber auch keine Überraschung ist.

IT und Politik sind Themen, die traditionell keinen hohen Frauenanteil haben. Das ist schade, kann und sollte sich auch dringend ändern, aber die Wurzeln der Partei sind damit in einer doppelten „Jungenecke“. Es gibt keinen Grund, dass sich die Partei für ihre männlichen Gründungsmitglieder entschuldigen müsste – die Männerdominanz ergibt sich zunächst aus der Entstehungsgeschichte der Partei, ganz ohne Weltverschwörung oder böse, frauenfeindliche Abgrenzung.

Aktuell verzeichnet die Piratenpartei eine enorme Steigerung der Mitgliedszahlen. Allerdings sind die Frauen noch immer deutlich in der Unterzahl. Damit wird es Zeit, bewusste oder unbewusste Hemmschwellen, Vorurteile und Irrtümer offen anzusprechen. Eine Stammtischdebatte zwischen „Wir sind doch für alle offen, das Geschlecht spielt bei uns keine Rolle.“, „Frauen sollten sich doch eigentlich mehr für unsere Themen interessieren“ und „Frauen in der Politik müssen stärker gefördert werden.“ wiederholt nur die bekannten Worthülsen.

Zeit also, auch in diese Debatte mehr Transparenz und Demokratie zu bringen – auch wenn es nicht einfach ist. Beginnen wir direkt bei den Kernthemen der Piratenpartei:

Irrtümer und Vorurteile zu Frauen und Computer (und ein wenig Politik)

1.) Das Netz ist männlich und war es auch immer.

2.) Es gibt keine weiblichen Blogger.

3.) Frauen programmieren nicht.

4.) Frauen interessieren sich nur für Unterhaltung, Shopping, Prominente und vielleicht noch Erziehungsfragen.

5.) Wenn Frauen Computer benutzen, dann erst seit Kurzem, und auch nur nachdem ein Mann mühsam erklärt hat, wo man nun klicken muss.

6.) Wenn Frauen zu politischen Veranstaltungen kommen, suchen sie dort einen Mann.

7.) Frauen sind grundsätzlich unsachlich.

8.) Wenn in einem Bereich Diskriminierung herrscht, bemerken es auch die anwesenden Männer und schreiten ein.

9.) Wer behauptet diskriminiert zu werden, muss sich ein dickeres Fell zulegen und dagegen ankämpfen.

10.) Frauen ist es wichtig, dass möglichst jedes Substantiv auf –in endet.

1.) Das Netz ist männlich und war es auch immer.

Falsch. Der persönliche Eindruck täuscht schnell über die Gesamtaktivitäten im Netz hinweg. Es gibt und gab immer auch große Frauencommunities (im Usenet, als Mailinglisten, Blogs etc.). Wenn eine Community >85 % Frauenanteil hat, ist auch klar, dass ein Mann dort so oft vorbeischaut, wie ein Nicht-Programmierer im Pearl-Forum.

2.) Es gibt keine weiblichen Blogger.

Kaum macht man auf Blogs von Frauen aufmerksam, kommt das „Argument“, dass dies keine „richtigen“ Blogs sind. Tatsächlich scheinen große Teile der männlichen Blogszene nur Blogs mit einem engen Themenbereich, die darüber hinaus häufig zur beruflichen Selbstdarstellung des Autors benutzt werden, als Blog „anerkannt“ werden.

Im Gegensatz dazu werden die thematisch gemischten Blogs, wie sie von Frauen u.a. bei http://www.Livejournal.com unterhalten werden, gern als „Mädchenblogs“ diskreditiert, selbst dann, wenn die „Mädchen“ Akademikerinnen sind, und sich zu ihren Fachgebieten äußern.

Typisch für die Blogs bei Livejournal ist die Mischung der Themen (durch Tags und Querverlinkungen gebändigt), das frei definierbare Freigabesystem für private, halbprivate und öffentliche Beiträge, die enge Verknüpfung von „privaten Blogs“ und „community-Blogs“, wo themenspezifisch geschrieben, diskutiert und querverlinkt wird. Diese Blogs erlauben oft mehr Interaktivität als die „männlichen“ Blogs. Die Kommentar-Bereiche werden oft für weitergehende, oft vertiefende Diskussionen benutzt, was bei „männlichen Blogs“ fast nie zu beobachten ist. Hier scheinen unterschiedliche Vorstellungen von Blogkultur zu kollidieren.

Einen Einblick in die Thematik und die Standardsprüche zeigt die Diskussion „Where are all the men bloggers“ (Achtung, Satire – Kaum zu glauben, dass man das dazu schreiben muss) http://geekfeminism.org/2009/08/19/where-are-all-the-men-bloggers/ .

3.) Frauen programmieren nicht.

Als „Beweis“ wird auf den erschreckend geringen Anteil von Frauen in Open Source Projekten hingewiesen. Als Gründe für den geringen Frauenanteil finden sich die üblichen Stammtischerklärungen: Die Frauen wollen / können nicht. Die Frauen hauen gleich wieder ab. Wenn die Frauen wirklich wollten, würden sie ja bleiben etc.

Argumente also, die sich auch in der Debatte um den Frauenanteil der Piraten finden. Umso interessanter ist die Rede zu Diversity Management, die Kirrily Roberts ( @Skud ) auf der OSCON 09 (O’Reilly Open Source Convention) hielt. Sie arbeitet heraus, warum Frauen in Open Source Projekten so rar sind, und sich nun andererseits reine Frauenprojekte gründen, die offenbar weit weniger Probleme haben, Frauen zum Bleiben zu ermutigen.

Link zum Redetext und der Diskussion: http://infotrope.net/blog/2009/07/25/standing-out-in-the-crowd-my-oscon-keynote/ Mehr Diskussion hier: http://radar.oreilly.com/2009/07/oscon-standing-out-in-the-crow.html

Link zum Video: http://blip.tv/file/2400597

4.) Frauen interessieren sich nur für Unterhaltung, Shopping, Prominente und vielleicht noch Erziehungsfragen.

… und sie halten Rosa für eine akzeptable Designfarbe. Vielleicht sollte sich hier noch ein Artikel über Geschlechtsklischees in den Massenmedien anschließen. Mir scheint es vielmehr so zu sein, dass sich die Frauen einem sehr, sehr weiten Spektrum an Themen öffnen – von Datenschutz über Fachdiskussionen zu Problemen mit Kindern – während die Mehrheit der „professionellen“ Blogs auf ein „professionelles, stromlinienförmiges Image“ bedacht ist.

Wenn allerdings nach einem Infostand ganz überrascht von männlicher Seite berichtet wird, dass doch tatsächlich die „Mutti mit den beiden Einkaufstaschen” Ahnung von Piratenthemen hatte, spricht das Bände.

5.) Wenn Frauen Computer benutzen, dann erst seit kurzem, und auch nur nachdem ein Mann mühsam erklärt hat, wo man nun klicken muss.

Nur weil Männer Frauen fast nie bewusst bei der Anwendung von Technik beobachtet haben, heißt nicht, dass diese sie nicht verwendeten. Entsprechend fühlten sich z.B. die Frauen aus der „Vidding-Szene“ verschaukelt, als behauptet wurde, dass mit YouTube nun auch „endlich“ Frauen Videos remixen. Die „großen, weißen Entdecker“ auf YouTube hatten eine Szene gefunden, die belegbar schon seit dem Aufkommen der Videorekorder aktiv ist. Mehr dazu hier http://journal.transformativeworks.org/index.php/twc/article/view/44/64 oder in „Texual Poachers, Television Fans & Participatory Culture, Henry Jenkins, Routledge 1992. Die älteren Mitglieder dieser Szene verkabelten zu Hause Diaprojektoren – die jüngeren studieren nun Mediendesign.

Die IT-Szene ist deutlich weiblicher, als die weibliche Anzahl von hauptberuflichen Admins, Programmierern etc. suggeriert. Als Frau generell als „DAU“ betrachtet zu werden, bis man das Gegenteil bewiesen hat, nervt enorm.

6.) Wenn Frauen zu politischen Veranstaltungen kommen, suchen sie dort einen Mann.

Ein Klischee, das dessen scheinbare Bestätigung durchaus lukrativ sein kann: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag-Sonntag-Politik-Parteien;art2566,2850308 . Dass beim Interview die Frage nach der Politisierung der Autorin – die immerhin 18 Monate durch die Politszene getingelt ist – fehlt, sagt sicherlich mehr über Klischees in den Printmedien aus, als das Buch über Frauen.

Wie bei den IT-Themen wird bei Politik Frauen gern gnadenlose Naivität unterstellt, bis sie das Gegenteil belegt haben. Männern dagegen wird eher Interesse und eine gewisse Ahnung von den Themen zugebilligt.

Auch „ruhigeren“ Frauen darf man ruhig Ahnung unterstellen – im Zweifel sind sie außerdem mit Zielgruppen vernetzt, an die bisher noch gar nicht gedacht wurde.

7.) Frauen sind grundsätzlich unsachlich.

Wenn eine Frau unsachlich ist, liegt es daran, dass sie eine Frau ist. Ist ein Mann unsachlich, dann liegt es an seiner Person oder am Gegenüber: Eine These, die sich die männlichen Mitglieder des Heise-Forums immer wieder gern gegenseitig bestätigen. Richtiger wird sie davon nicht.

8.) Wenn in einem Bereich Diskriminierung herrscht, bemerken es auch die anwesenden Männer und schreiten ein.

Wie das in der Praxis funktioniert, sieht man hier: http://geekfeminism.wikia.com/wiki/Sexualized_presentations http://www.youtube.com/watch?v=6BBydG0w2sk (Video von 2006, die Slides von 2009 http://hossgifford.com/2009/flashbelt/ – die Präsentation löste auf der Flashbelt 09 eine größere Debatte aus)

http://geekfeminism.wikia.com/wiki/Flashbelt_slide_show (NSFW)

Es ist wichtig, dass auch Männer den Mund aufmachen, und einen Mann stoppen, der Blödsinn redet. Frauen sind nicht „naturgemäß“ für die Erziehung dieses Flegels zuständig.

9.) Wer behauptet diskriminiert zu werden, muss sich ein dickeres Fell zulegen und dagegen ankämpfen.

Warum? Die Mehrheit toleriert auf Dauer Zumutungen wie die oben verlinkte Präsentation (aufgemalte Penisse folgten), und verlangt gleichzeitig, dass die betroffene Minderheit all ihren Mut, Zeit, Nerven und Energie aufwendet, um den Unfug zu stoppen? Der Rückzug in andere, weniger destruktive Communities mag keine optimale Lösung sein, aber sicher im Rahmen des Selbstschutzes nachvollziehbar. Niemand ist auf Grund seines Geschlechts verpflichtet, sich mit stundenlang mit Idioten herumzustreiten.

10.) Frauen ist es wichtig, dass möglichst jedes Substantiv auf –in endet.

Einigen Frauen ist eine geschlechtsneutrale Sprache wichtig. Anderen nicht. Man kann mit der Debatte auf jeden Fall mehr Zeit und Energie verbrauchen, als die Doppelbenennung oder eine diskussionslose Abstimmung (der Frauen?) über die Spielregel Zeit kosten würde.

Zur Verhinderung von inhaltlicher Arbeit ist eine Debatte zu weiblichen Sprachformen auf jeden Fall ebenso geeignet, wie eine Debatte über quotierte Redelisten – weswegen diese Diskussionen aus unterschiedlichen Gründen immer wieder gern angeheizt werden.

Was kann die Piratenpartei – und andere „Boys Clubs“ tun, um Frauen nicht abzuschrecken:

–         keine Closed Shop Mentalität: Solange auch Einsteiger eingebunden werden, und produktiv mitarbeiten können, ist die Chance groß, dass sie bleiben.

–         keine „Unterabteilungen“, in denen „die Frauen“ dann arbeiten „dürfen“ (immer wieder „gern“ genannt: Frauenpolitik, Bildungspolitik, Gesundheit).

–         Themen wie Frauenpolitik, Bildungspolitik, Gesundheit sind keine „Frauenthemen“ und auch nicht zu unwichtig, um „die Profis“ damit zu beschäftigen. Frauen interessieren sich aber auch für Außenpolitk, Sicherheitspolitik, Arbeitsmarktpolitik und all die anderen „Männerthemen“.

–         Offenheit für die Möglichkeit, dass Selbstverständlichkeiten relativ sind: Andere Gruppen nutzen Technik anders, halten andere Regeln für selbstverständlich, haben andere Erfahrungen.

–         Sachlichkeit und Transparenz heißt auch, dass Automatismen hinterfragt werden müssen. Wichtig ist, dass man eine Diskussionskultur hat, die Rechthaberei / Flamewars auf allen Seiten ausbremst und lösungsorientierte Ansätze fördert.

–         Aushalten von Widersprüchen. Große Gruppen sind selten homogen. Es muss allen Beteiligten klar sein, dass man gemeinsame Ziele hat, und es durchaus möglich ist, in Detailfragen unterschiedlicher Meinung zu sein, solange die Grundideen tragen.

–         Frauen ernst nehmen. Frauen sind nicht „in erster Linie“ als Person über ihr Geschlecht definiert, aber ihr Geschlecht hat großen Einfluss auf ihre Lebensumstände – spätestens wenn Kinder ins Spiel kommen. Als Kontrollfrage reicht oft: „Würde sich ein halbwegs erfolgreicher Mann das bieten lassen?“.

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5 thoughts on “Die Mädchen in der Jungenecke – Frauen und die Piratenpartei

  1. Ein guter Start wäre in Bonn vielleicht die baldige Gründung einer reinen Frauen-Crew. Fände ich sehr interessant, welche Themen sich hier herauskristallisieren. “Mädels”: Ihr könnt mehr als Protokoll führen. Führt uns in Gewässer in die wir uns “Kerle” nie hineintrauen würden. Nehmt das Ruder in die Hand.

    1. Kein guter Start. a) die Frauen sind sicher nicht bei den Piraten, um sich feministisch auszutoben, sondern weil sie jeweils unterschiedliche Inhalte für wichtig halten b)genau solche Unterabteilungen / Katzentische sind Teil des Problems, nicht der Lösung

  2. ahja. Guter Artikel!

    Ich bin der Meinung wir sollten einen öffentlichen Brief schreiben. Sagen, dass die Piraten super sind. Auch für Frauen. Und das der Umgang mit den Frauen bei der PP VIEL netter und respektvoller ist als bei den meisten Großgruppen…..und das die Themen Frauen ehr wohl interessieren und wir keine Quote brauchen, etc….

    Wie wärs?

  3. Zu 1) Ich habe mal nachgerechnet. Ich bin seit ca. 14 Jahren online. Computer nutze ich noch länger und war eine Pionierin in meiner damaligen Klasse. Ich glaube ich war die erste von allen (Männlein und Weiblein), die regelmässig einen Computer nutze.

    Zu 2) Ich habe vor kurzem mal nach Strickmustern gesucht und dabei festgestellt, dass im Handarbeitsbereich (Stricken, Häkeln, Spinnen, Schmuckgestaltung, usw.) eine extrem aktive Blogger(innen)-Szene existiert. Wobei diese blogs sich thematisch nicht auf’s HAndarbeiten beschränken, sondern über, wie man so schön sagt Gott und die Welt schreiben.

    Auch die Altersgruppe scheint da sehr weit gespannt sein, von 20 bis 60 oder noch älter.

    Die meisten dieser Blogs laufen jetzt nicht über Lifejournal, sonder eher WordPress oder blogspot oder andere Anbieter.

    Auch sehr viele blogs kann man im Kosmetikbereich finden, inkl. Youtube-Filmchen mit Schmicktipps. Hier ist die Usergruppe eindeutig jünger, viele Teenagers bis Anfang/Mitte 20.

    Interessanterweise wird auch in diesen blogs viel mit tags und querverlinken gearbeitet und oft auf die blogs anderer aktiver Bloggerinnen hingewiesen und man kann allein an den Inhalten schon erkennen, dass sich Gemeinschaften und Freundschaften gebildet haben. Der eher ‘kommerzielle’ Hintergedanke in diesen blogs fehlt sehr oft (er taucht bei den Kosmetikmädchen wieder auf, aber doch auf eine andere Art als bei den männlichen blogs).

    Interessant fand ich auch, dass bestimmte Themenbereich, wie z.B. Science Fiction, Fantasy, Horror, TV, Mittelater, Reenactment usw. noch sehr stark auf große Foren fixiert sind.

    Zu 5) Siehe 1. Ich habe genug männliche Kollegen gehabt, denen ich erklären musste, wie der Computer funktioniert oder auch bestimmte Programme, inkl. Kollegen, die es schafften ein Studium abzuschließen ohne zu wissen wie man mit einem Textverarbeitungsprogramm oder einem E-mailprogramm arbeitet und deren Wissen sich darauf beschränkte, dass sie den Knopf zum Anschalten finden konnten.

    7) Und wie unsachlich ist bitte schön dieses Argument? Meistens kommt es ja dann, wenn die Frau bewiesen hat, dass sie sachlich argumentieren kann und argumentativ stärker als ihr Diskussionspartner ist.

    8) Wäre schön, wenn sie es tun würden. Habe ich in der Realität bis jetzt sehr, sehr selten erlebt.

    9) Irgendwann wird man es auch leid und müde immer und immer wieder den selben Mist anzusprechen, zu reden und reden und reden. Es ist nicht mein Job Männer zu erziehen. Eine intelligente Person sollte vielleicht von alleine darauf kommen, dass Diskriminierung falsch ist, erst recht da es im Grundgesetz verankert ist, sowie in vielen weiteren Gesetzen.

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